You and Me: This is true democracy

Wie sich Demokratie auch in unsere Beziehungen schleicht

Dass das Private politisch ist, ist bekannt. Unser Handeln prägt unsere Gesellschaft – im Kleinen wie im Großen. Wo können wir also die Demokratie im Lupenglas beobachten? Richtig! In Liebesbeziehungen, Freundschaften und anderen sozialen Begegnungen. Sie alle können demokratische Systeme sein. Wir können sie nützen als Spielwiese für politische Utopien und Möglichkeiten, die Welt neu zu denken.

Liebesbeziehungen sind krass. Wenn man mal objektiv betrachtet, was passiert, wenn Menschen sich lieben, also so, wie das in Hollywood inszeniert wird, dann wird klar, dass es irgendwie immer gleich abläuft: Der Anfang ist rosa, alles ist wahnsinnig aufregend und spannend und elektrisierend und toll und katastrophal und emotional und deep. Dann wird man ein Paar mit gemeinsamen Abendessen, Reisen und Hobbys, die Freundeskreise begegnen sich, die Familien lernen sich kennen. Man zieht zusammen, richtet sich ein gemeinsames Schlafzimmer ein, eine Küche und ein Bad mit zwei Zahnbürsten in einem Becher. Und dann kommt der Alltag. Mit ihm die ersten kleinen Streitigkeiten, Nörgeleien, Dinge, die nerven. Kleine Krisen, die gemeistert werden. Hier enden die Hollywoodfilme, das Publikum ahnt, was folgt, aber das gibt es nie zu sehen: In den meisten Fällen wird es irgendwie zäh, viele scheitern. 

Es ist ein Automatismus. Liebesbeziehungen laufen nach einem bestimmten Schema ab. Wir orientieren uns an dem, was wir denken, dass Liebe sein müsste. Wir hinterfragen oftmals unseren Partner oder unsere Partnerin, uns selbst, die Konstellation, aber selten hinterfragen wir das System. Krass daran ist, dass viele Menschen Liebesbeziehungen im Autopiloten laufen lassen, ohne zu reflektieren, ob die einzelnen Schritte gut sind für die daran Beteiligten. Krass ist, dass im öffentlichen Bewusstsein kaum andere Bilder gezeigt werden, an denen man sich orientieren könnte. Krass ist, dass kaum jemand zu verstehen scheint, dass die Spielregeln in Liebesbeziehungen selbst gemacht werden können. Alle Normen sind von Menschen erfunden, um einen möglichen Weg aufzuzeigen. Aber es ist eben nur ein Weg von vielen. Für Beziehungen gilt: „Konzepte sind wie Online-Designvorschläge für Geburtstagskarten. Vereinfachen das Leben, kann man dankend ablehnen. Begreife sie als Angebot. Nicht aber als Zwang.“ (Tante Kante)

Wie wir Demokratie leben – Partnerschaften als politische Spielwiese

Und dabei wird es erst richtig spannend, wenn die Verliebtheit weicht und Liebe wächst. Denn Liebe ist Demokratie! In Liebesbeziehungen finden täglich kleine politische Prozesse statt. Es braucht Abstimmungen, Wahlen, diplomatische Verhandlungen, Grenzbestimmungen und individuelle Gesetze. Alles beginnt damit, dass die beteiligten Parteien der Beziehung aus freien Stücken zustimmen. Das ist noch nicht wahnsinnig lange so. Was wir heute für eine Vorstellung von Liebe haben, nämlich die, dass die Liebe den Grund für das Eingehen einer Beziehung darstellt, das ist kulturhistorisch betrachtet relativ neu. Rousseau startet im Jahr 1761 in seinem Erfolgsroman Julie oder Die neue Heloise ein Experiment: die Liebesehe. Bis dato wurden Ehen zumeist von den Eltern vereinbart, um den Familienbesitz zu erhalten. Die Liebe war der Feind der elterlichen Autorität. Durch Rousseau rückt die Leidenschaft nun als Grund für eine Eheschließung ins Zentrum und wird von der literarischen Vorlage ins gesellschaftliche Leben etabliert. 

Mit der Wahlfreiheit in Beziehungen ist ein erster demokratischer Grundsatz gegeben. Die Beteiligten einer Liebesbeziehung willigen in den Zusammenschluss ein. Meistens ist das ein etwas wackeliger und aufregender Moment, der viele Missverständnisse birgt (so zumindest in den gängigen Hollywoodproduktionen), aber ab einem bestimmten Punkt ist irgendwie klar: Das, was wir hier machen ist eine Partnerschaft. Und diese muss dann gestaltet werden. Das bedeutet, dass ein Aushandeln und Austarieren beginnt. Wie wollen wir wohnen? Getrennt oder zusammen? Raus aufs Land oder rein in die Stadt? Wie regeln wir die Finanzen? Ein gemeinsames Konto oder jeweils eigene? Wer muss was über Bord werfen (allergieauslösende Haustiere, hässliche Einrichtungsgegenstände, nette Affären etc.)? Was muss neu angeschafft werden (ein Tandemfahrrad, ein breiteres Bett, Partnerlookoutfits etc.).

All dies funktioniert nicht ohne Gespräche. Der Dialog ist also das Zentrum der Beziehung. Auch die internen Spielregeln müssen verhandelt werden. Wie ist die Definition von Treue? Wie wichtig ist sie? Wie wichtig ist Exklusivität? Wie viel Gemeinsamkeit braucht es? Wie viel Abstand ist notwendig? Wo sind die Grenzen der Beteiligten? Werden diese Fragen nicht geklärt, so führt dies häufig zu Missverständnissen, Verletzungen und Brüchen. Wir lernen also im privaten Raum (auch in Freundschaften, Eltern-Kind-Beziehungen, am Arbeitsplatz etc.) eines der wichtigsten politischen Instrumente: Kommunikation, Dialog, Verhandlungen, Diplomatie. All dies beeinflusst unsere Fähigkeiten für politischen Aktionismus.

Doch Privates und Politisches bedingen sich wechselseitig. Auseinandersetzungen im privaten Rahmen sind auch immer abhängig vom politischen System, in dem wir leben. Eine gesamtgesellschaftliche Ungerechtigkeit kann im Privaten oftmals nicht ausgeglichen werden. Beispielsweise führt der Gender-Pay-Gap zwischen Mann und Frau in einer heteronormativen Beziehung dazu, dass Frauen länger in Elternzeit gehen, anschließend in Teilzeit arbeiten und somit weniger Karrierechancen erhalten als ihre Partner. Dies kann in der Beziehung nur schwer ausgeglichen werden. Ist eine staatliche Struktur gegeben, die Frauen nicht benachteiligt, ist eine gerechte Aufteilung der Care-Arbeit in der Partnerschaft viel eher möglich. Das Private ist also nicht nur politisch, sondern auch das Politische privat. Veränderungen müssen somit auf allen Ebenen erfolgen. 

Was können wir tun, um Demokratie bewusst zu (er-)leben? Wir können täglich üben, Streitigkeiten und Krieg im Privatleben zu vermeiden. Kommunikationsstrukturen zu verbessern. Außerhalb von bekannten Systemen zu denken, neue Wege zu gehen, kreativ zu sein. Alternative Lebensformen zu betrachten. Queere Beziehungen haben zum Beispiel oftmals andere Settings als heterosexuelle Beziehungen. Verschiedene Kulturkreise leben Liebesbeziehungen unterschiedlich. Ältere Generationen haben anders geliebt, jüngere entdecken die Liebe neu. Von ihnen lässt sich lernen. Im Dialog! Dabei gilt es auch, die eigene Auffassung zu hinterfragen.

Wie wir Demokratie lernen – Kindheit als politische Sozialisation

Wenn wir uns als Teil eines demokratischen Prinzips verstehen möchten, so müssen wir hinterfragen, wie unser politisches Verständnis geprägt wurde und wie das Bild von Demokratie in unserer Gesellschaft entstanden ist. Wo haben wir begonnen, gesellschaftliche Strukturen und demokratische Prozesse zu erlernen? In der Kindheit. Familien, Freundeskreise, Kindergärten und Schulen sind die ersten sozialen Gruppen, in denen wir lernen zu interagieren. In den ersten Lebensjahren lernen wir zu sprechen, zu kommunizieren und somit sozial zu interagieren. Hier festigen sich Denkstrukturen und Handlungsmuster. Diese liegen tief in uns verborgen, sie prägen uns ein Leben lang. In unserem privaten Handeln, in unserem politischen Handeln. 

Noch immer finden sich Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Erziehung. Damals waren die Mütter angehalten, ihre Kinder nicht zu „verhätscheln“, was mit einem strukturellen emotionalen Liebesentzug einherging. In Erziehungsratgebern der Ärztin Johanna Haarer wurde proklamiert, dass das Kind auf keinen Fall das Leben einer erwachsenen Person dominieren dürfe – eine bindungsarme, kalte Elternschaft war das Ergebnis. Noch heute ist dies stellenweise im Umgang mit Kindern zu spüren. Silencing findet in der Kindererziehung statt, wenn einem Kind nicht zugehört, es beim Sprechen unterbrochen wird oder es gar nicht erst dazu kommt, sich zu äußern. Und auch Gewalt ist ein Bestandteil unserer Erziehung. Ein Kleinkind zu packen und es gegen seinen Willen in den Kinderwagen zu setzen ist ein gewaltvoller Akt. Ein Kind zum Zähneputzen zu zwingen ist ebenfalls Gewalt. Von struktureller häuslicher Gewalt, die in vielen Familien praktiziert wird, ganz abgesehen finden sich auch in kleinen Gesten gewaltvolle Muster. Es sind Dinge, die wir selbst als Kind erfahren und gelernt haben. Impulse, die automatisch abgespult werden. Dabei hat die Wissenschaft längst das Gegenteil bewiesen: Für eine intakte Persönlichkeitsentwicklung ist es von zentraler Bedeutung, dass die Bedürfnisse eines Kindes ernstgenommen und berücksichtigt werden. 

Wenn wir also anfangen zu reflektieren, wie wir sozialisiert und erzogen werden, so beginnt auch ein Prozess, der unsere aktuelle Kommunikation und damit unser Handeln verändert. Es ist eine psychoanalytische Arbeit, die wir da leisten. Es kann sinnvoll und spannend sein, sich diesbezüglich professionelle Hilfe zu nehmen. Jede Generation hat ihre Aufgabe. Die Kriegsgeneration hatte als Ziel das reine Überleben, ihre Kinder haben materiellen Wohlstand etabliert und die Aufgabe deren Nachfolgegeneration baut darauf auf: Es geht um inneren Reichtum. Wir können unsere sozialen Beziehungen dabei als Spielfeld nutzen, als eine tägliche Chance auf Weiterentwicklung. Was nach anstrengender Optimierungsarbeit klingt, sollte sich nicht so anfühlen. Vielmehr können Gespräche und Begegnungen da sein, um das Zusammenleben zu erleichtern und zu verbessern. Das gilt für Privates – und natürlich – immer auch für Politisches!

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Veronika Fischer lebt in Konstanz und ist Mutter von drei Söhnen. Als freischaffende Journalistin kommt sie an außergewöhnliche Orte, trifft ganz unterschiedliche Menschen und schreibt darüber für Kulturmagazine und Zeitungen.

Foto: ©Jette Marie Schnell

Elaine Fehrenbach fotografiert im Bereich Kunst-, Dokumentation und Reportagen mit einem Fokus auf Authentizität und spontane Schönheit.

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