Wer sind hier die „Wilden“?

Ein neues Betriebssystem für die Menschheit

Der Archäologe David Wengrow und der Anthropologe David Graeber hatten die Nase voll von einer Erzählung, die sich wie eine Schallplatte, die an der entscheidenden Stelle einen Sprung hat, wiederholt. Seit Jahrhunderten heißt es, Gier und Eigennutz liegen in der Natur des Menschen. Ihr gemeinsames Buch „Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit“ beweist: Die Evolution ist voll von Episoden, in denen sich Menschen bewusst gegen Hierarchie und Brutalität und für Solidarität und Mitmenschlichkeit entschieden haben.

Man könnte meinen, dass es für ein Buch, das davon erzählt, dass Gemeinschaften über Jahrtausende nicht aus Versehen, sondern sehr bewusst solidarisch, kooperativ und unhierarchisch miteinander gelebt haben, keinen schlechteren Zeitpunkt gibt.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine konfrontiert die ganze Welt mit der erschütternden Erkenntnis, dass das „Nie wieder!“ nach dem Zweiten Weltkrieg nur so lange gilt, wie ein Diktator bereit ist, seine Allmachtsphantasien zu zügeln – und dass er diese auch deshalb umsetzen kann, weil ihm ein Land wie Deutschland über Jahre Milliarden für fossile Rohstoffe überwiesen hat. Kurzfristige Wohlstandsinteressen waren stets wichtiger als jede noch so begründete Warnung.

Als wäre dieser Krieg nicht schon furchtbar genug, steht der Welt bald eine neue Hungerkatastrophe bevor, die nicht allein darin begründet liegt, dass mit der Ukraine und Russland bis auf weiteres zwei wichtige Kornspeicher der globalen Weizenversorgung ausfallen. Sondern auch darin, dass mit Nahrungsmitteln gehandelt wird wie mit Aktien. Nicht der Mangel an Lebensmitteln ist das Problem – sondern der Mangel an Solidarität im Globalen Norden, den Reichtum mit Menschen im Globalen Süden zu teilen. Und über allem schwebt mit der Erderwärmung und ihren Folgen eine Krise über der Menschheit, die schon jetzt so dramatische Ausmaße angenommen hat, dass es einen schwindelt.

Nie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die Zeiten so düster angefühlt und es braucht alle Kraft, um in sich die Kräfte des Optimismus zusammenzuhalten. Gerade deshalb gibt es für „Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit“ keinen besseren Zeitpunkt als: genau jetzt.

Zehn Jahre lang haben der Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow daran geschrieben. Graeber, bekannt geworden als einer der Anführer der „Occupy Wall Street“-Bewegung, starb im September 2020, nachdem sie die Arbeit an dem Buch erst drei Wochen zuvor beendet hatten. So wurde es zum Vermächtnis eines Menschen, der sein Leben lang leidenschaftlich für das Gute in uns gestritten hat.

 

Ein Mythos wie ein naturwissenschaftlicher Fakt

Gier und Eigennutz als Standard-Einstellung des Menschen sind nach Graeber und Wengrow ein Mythos, der seit Jahrhunderten unhinterfragt von einer Generation auf die nächste übergeht, als sei er ein naturwissenschaftlicher Fakt wie die Schwerkraft. Genau genommen sind es zwei und man kann selbst entscheiden, welchem man eher anhängt.

Entweder heißt es nach Thomas Hobbes, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf. Dieser Gedanke ist der Ausgangspunkt von Hobbes‘ im Jahr 1651 erschienenen „Leviathan“, nach Graeber und Wengrow der „Gründungstext der modernen politischen Theorie“, weil er einen natürlichen Kriegszustand beschreibt, in dem jeder gegen jeden kämpft. Habsucht und Machtlust sind danach natürliche Triebe, die sich nur unter Kontrolle bringen lassen, indem Instanzen sie unterdrücken und deren Auswirkungen zur Not bestrafen. Deshalb braucht es Herrscher und Beherrschte, Mächtige und Ohnmächtige. Andernfalls drohen Krieg und Untergang – nach Hobbes das unausweichliche Schicksal der Menschheit.

Geht es wiederum nach Jean-Jacques Rousseau, gab es im Laufe der Evolution sehr wohl einen Zustand des Friedens. Allerdings nur zu der Zeit, als Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen umherzogen. Sie lebten so lange in kindlicher Unschuld, bis mit Beginn der sogenannten neolithischen Revolution vor 20 000 Jahren, die Ackerbau und Viehzucht mit sich brachte, der erste Mensch ein Stück Land einzäunte und sagte: „Das gehört mir.“ Von diesem Moment an war es mit dem Naturzustand vorbei. Mit der Landwirtschaft kamen die Zivilisation und mit ihr die Städte und damit ein Krieg aller gegen alle.

Wengrow und Graeber haben zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, die belegen, dass Hobbes und Rousseau im Unrecht waren. Wenn Menschen gegeneinander Krieg führten, soziale Kluften entstehen ließen oder ihren Egoismus über die Gemeinschaft stellten, dann nicht, weil sie von ihrer eigenen Natur dazu verurteilt gewesen wären. Sondern, weil sie sich bewusst dafür entschieden. Die beiden Autoren zeigen außerdem auf, dass weder Hobbes noch Rousseau für ihre Theorien je Beweise gehabt hatten. Ihre Theoriegebäude waren vielmehr Hypothesen, die sich bald verselbständigten. Jean-Jacques Rousseaus These vom Naturzustand etwa entstand im Jahr 1754 als Ergebnis eines Essaywettbewerbs. In „Abhandlung von dem Ursprunge der Ungleichheit unter den Menschen, und worauf sie sich gründe“ nahm er nach eigener Aussage lediglich ein Gedankenexperiment vor, um zu ergründen, warum die einen reicher und die anderen ärmer, die einen mächtiger und die anderen ohnmächtiger seien.

 

Spott für die europäischen Gesellschaften

Als Kronzeugen für ihre Theorie vom guten Menschen führen Graeber und Wengrow einen Mann an namens Kondiaronk. Er lebte von 1649 bis 1701 im heutigen Kanada und war Anführer eines irokesischsprachigen Volkes. Er galt als mutiger Krieger, brillanter Redner und ungewöhnlich geschickter Politiker – und war, an seinem Lebensende, ein entschiedener Gegner des Christentums.

Bei seinen Reisen in die Heimatländer der christlichen Missionare aus Europa sah Kondiaronk mit eigenen Augen, wie Geldverkehr und Privateigentum Missstände und soziale Unordnung auslösten. Wie er darüber dachte, ist überliefert, weil der französische Adlige Baron de Lahontan die Eindrücke von Kondiaronk und den Angehörigen seines Volkes in Büchern beschrieb, aus denen „Anfänge“ wortreich zitiert. So heißt es etwa: „Sie finden es unverantwortlich, dass ein Mensch mehr als ein anderer besitzen sollte und dass die Reichen mehr Respekt verdienen sollten als die Armen. Kurz, sie sagen, die Bezeichnung Wilde, die wir ihnen geben, treffe besser auf uns zu, da in unseren Handlungen nichts erkennbar sei, das auf Weisheit schließen lasse.“

Es ist eines der Zitate, die für das gesamte Buch den Ton vorgeben, und bei dem man sich fragt: Wer sind hier die „Wilden“?

Kondiaronks Sicht schlossen sich auch viele jener an, die aus Europa nach Nordamerika geschickt worden waren, um die vermeintlich „Wilden“ zu missionieren. Tatsächlich entschieden viele bald nach ihrer Rückkehr nach Europa, wieder dorthin zurückzukehren, woher sie gerade gekommen waren: zu den Gemeinschaften, die aus freien Stücken entschieden hatten, einem anderen Verständnis von Gemeinwesen zu folgen als dem, das Eigennutz und Gier zu einer unabwendbaren Folge der menschlichen Zivilisation und zum notwendigen Treibstoff ihrer Weiterentwicklung verklärt.

Denn diese Gesellschaften stellten sicher, dass alle in Freiheit leben konnten – in echter, substantieller Freiheit, nicht in formaler, die nur auf dem Papier besteht wie in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, nach der jeder Mensch frei ist, aber eben nur, soweit er dem entspricht, was die Väter der Erklärung als Mensch begriffen. Sklaven zum Beispiel nicht.

 

Wer sinnlose Befehle erteilt, wird ausgelacht

Die Wurzeln eines solchen Gemeinschaftsverständnisses reichen weit zurück in die Geschichte der Menschheit. Auf der Grundlage archäologischer Befunde führen Wengrow und Graeber ihre Leser:innen zurück in Zeiten wie dem Jungpaläolithikum vor rund 45 000 Jahren. Nach ihren Erkenntnissen gilt es inzwischen als erwiesen, dass sich schon zu dieser Zeit Gemeinschaften immer wieder bewusst gegen dauerhafte Hierarchien stellten. So sind zum Beispiel Bestattungsstätten und architektonische Monumente erhalten, mit denen sich nachweisen lässt, dass sich Menschen soziale Ordnungen gaben, die von Saison zu Saison wechselten. In der einen Jahreszeit verteilten sie sich auf kleine Gruppen, um zu jagen und zu sammeln. In der anderen kamen sie zusammen, feierten Feste, hielten komplexe Rituale ab, wechselten ihre Geschlechtspartner und bestimmten einzelne Personen zu ihren Anführern mit der Macht, zu bestrafen oder zu töten – anschließend mussten sie diese Rollen wieder aufgeben.

Rangordnungen und Ungleichheiten konnten so gar nicht erst aufkommen. Denn niemand konnte sicher sein, heute einem Menschen unterstellt zu sein, dem man gestern noch selbst Befehle erteilt hat. Und wer etwas anordnete, was der Gemeinschaft falsch erschien, wurde ausgelacht.

Über Jahrtausende pflanzte sich weit weg von Europa ein solches Gemeinschaftsverständnis fort, bis in die Zeit von Kondiaronk und seinen Mitmenschen. Von denen schrieb Baron de Lahontas, der mit der französischen Armee in deren Heimat stationiert war, außerdem: „Es hat keinen Sinn, ihnen entgegenzuhalten, wie nützlich die Institution des Privateigentums als Stütze der Gesellschaft ist: Sie ziehen alles, was man dazu sagen kann, ins Lächerliche. Kurz, sie streiten und kämpfen nicht, noch beleidigen sie einander; sie spotten über Kunst und Wissenschaft und lachen über die Rangordnung, die bei uns herrscht. Sie bezeichnen uns als Sklaven und nennen uns arme Seelen, deren Leben wertlos ist, weil wir uns selbst erniedrigen, indem wir uns einem Manne [dem König] unterwerfen, der alle Macht besitzt und durch kein Gesetz als seinen eigenen Willen gebunden ist.“

Man würde gern mitlachen, wenn die Konsequenzen dieser Ignoranz einer solchen Haltung nicht so gravierend gewesen wären. Sie reichen bis in die Gegenwart.

 

Eine aufregende Reise zu uns selbst

Das Buch von David Graeber und David Wengrow ist eine aufregende Reise zu uns selbst. Denn es zeigt eindrucksvoll auf, was hinter der Erzählung vom vermeintlich natürlichen Kriegszustand aller gegen aller tatsächlich steckt: die Ausrede jener, die bis heute ihre Gräuel damit zu erklären versuchen, die eigene Brutalität zur unausweichbaren Natur zu erklären. Wenn man dieses Buch gelesen hat, stehen nicht jene unter Rechtfertigungsdruck, die sich nicht davon abbringen lassen, an das Gute im Menschen zu glauben. Sondern jene, die sich notorisch weigern, es zu erkennen. Gerade in düsteren Zeiten wie diesen.

 

„Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit“, Klett-Cotta, 672 Seiten, 28 Euro

 

Buchcover
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Kai Schächtele ist Journalist, Miterfinder der Klimashow vollehalle, und Moderator in Berlin. Er lebt davon, sich selbst und seinem Umfeld Mut zum Handeln zu machen.

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