Ukraine, Territorialschutz

Zurück ins umkämpfte Land

Wie ein junger Mann sich dem ukrainischen Territorialschutz anschließt

Andrii Olecsandrovich Gorshkov erzählt über den Krieg in der Ukraine und seine Entscheidung, sich dem Territorialschutz dort anzuschließen. Ich habe ihn bei einer Friedenskundgebung kennengelernt. Seine Rede bewegte mich und erweckte in mir den Wunsch, seine Motive genauer kennenzulernen und mehr über seine Art und Weise, wie er diesen Konflikt wahrnimmt, zu erfahren. Andrii ist 30 Jahre alt und studiert Finanzmathematik in Konstanz. Geboren und aufgewachsen ist er in Krasny Luch in der Ostukraine.

Giorgio Krank: Die Annexion der Krim und damit das Aufkommen der russischen Separatistengebiete ist bereits 2014 passiert. Wie stehst du dazu, dass die EU erst jetzt von einem Krieg spricht?

Andrii Olecsandrovich Gorshkov: Ich kann das ein Stück weit nachvollziehen. Viele Menschen hier in Deutschland und auch in der EU haben ihr Business in Russland. Wenn man das von Anfang an offen als Krieg bezeichnet hätte, dann hätte man damals auch mit anderen Sanktionen reagieren müssen. Die Menschen aus Deutschland und der EU wären durch diese Sanktionen bestimmt nicht reicher geworden. Man wollte damit nicht das eigene Lebensniveau gefährden. Deswegen musste eine andere Terminologie dafür gefunden werden. Und so beschrieb man es erst mal als Konflikt. Was nie offen gesagt wurde, ja, das war ein Krieg.

Damals habe ich in Dresden studiert und Bundespräsident Herr Steinmeier kam zu uns an die Uni. Er sagte sinngemäß: Na ja, also was können wir da machen? Erstmal wollen wir verstehen, welche Optionen es gibt. Meiner Meinung nach ist der beste Weg die Diplomatie. Wir müssen zunächst verstehen, welche Werkzeuge wir in der Kiste der Diplomatie haben, und mit diesen werden wir dann versuchen, das Problem zu lösen. Für mich hat er damit klar gemacht, dass Deutschland bereit ist, alles Mögliche zu machen, um das Problem durch Diplomatie zu lösen, aber das war’s. Die Menschen, die mit mir im Saal saßen, haben das irgendwie anders verstanden, aber für mich war das eine eindeutige Message. Deutschland wird versuchen, mit Russland eine Einigung zu finden, welche die Businessstrukturen der EU und Russland gleichermaßen zufriedenstellt. Damit wirtschaftliche, kulturelle und politische Beziehungen weitergeführt werden können. Meiner Meinung nach war das ein Riesenfehler. Putin hat 2018 eine Pressekonferenz gehalten. Dabei hat eine Journalistin die Frage gestellt: Wo befinden sich die Grenzen von Russland? Putins Antwort war: „Russland ist grenzenlos.“

Du bist selbst russischsprachiger Ukrainer. Die Begründung für diesen Angriff von Putin ist, dass er das Land entnazifizieren und entmilitarisieren will, unter anderem, um die russischsprachigen Ukrainer:innen zu schützen. Was hältst du davon?

(lacht) In meiner Heimatstadt Krasny Luch, in Luhansk, waren alle Zeitungen auf Russisch. Viele Programme im Fernsehen waren auf Russisch. Ich bin in eine russischsprachige Schule gegangen. Unsere Lehrerinnen und Lehrer haben mit uns Russisch gesprochen. Die ukrainische Sprache und Literatur wurden als Fach unterrichtet. Und dann haben wir natürlich auch Ukrainisch gesprochen. Selbstverständlich. Das Kino war auf Russisch. Filme aus der USA waren auf Russisch übersetzt. Ich habe mich als Russischsprechender nie benachteiligt gefühlt. Meine Familie und ich haben die ganze Ukraine bereist. Wenn wir in der Westukraine waren, konnten wir auch Russisch sprechen. Da hat keiner irgendwann gesagt: „Hey, rede mit mir Ukrainisch”. Die Menschen in der Westukraine, die Putin als Nationalisten bezeichnet, waren immer offen für alles und für alle. Es gab nie, egal ob in der Ost-, West- oder Nordukraine oder auch auf der Krim, Probleme damit, Russisch zu sprechen. Es war auch nie ein Problem, sich als russischstämmig zu identifizieren. Heutzutage hat sich das selbstverständlich wegen des Krieges geändert. Davor hat man sich aber deswegen nie unwohl oder bedroht gefühlt. Es ist absurd, dass Putin das als Argument benutzt, um die Ukraine anzugreifen. Er hat es 2014 schon bei der Annexion der Krim vorgebracht und es war damals schon absurd.

Andrii Olecsandrovich Gorshkov bei einer Friedensdemonstration in Konstanz.

"Ich glaube aber, wenn ich das mal so poetisch ausdrücken darf, es wartet auf uns ein Sieg, eine Freiheit und eine Möglichkeit, unsere Zukunft selbstbestimmt und unabhängig von Russland aufzubauen."

Du reist am 3. März in die Ukraine. Was denkst du, wird dich dort erwarten?

Bei der Kundgebung habe ich eine ukrainische Frau kennengelernt, die eigentlich nur für eine Hochzeit ein paar Tage nach Deutschland gereist war. Ich fahre mit ihr zurück. Wir fahren gemeinsam in die Westukraine und reisen dann weiter in den Bezirk von Kiew. Ich will ihr dabei helfen, nach Hause zu ihrem zweijährigen Sohn und ihren Eltern zu kommen. Ich habe bei der Demo außerdem einen jungen Mann kennengelernt, dessen Bruder und Vater einen Territorialschutz organisieren. Ihnen werde ich mich danach anschließen. Was mich dort genau erwartet, weiß ich nicht. Ich glaube aber, wenn ich das mal so poetisch ausdrücken darf, es wartet auf uns ein Sieg, eine Freiheit und eine Möglichkeit, unsere Zukunft selbstbestimmt und unabhängig von Russland aufzubauen.

Welcher Überzeugung folgst du, wenn du am Donnerstag in den Westen der Ukraine abreist?

Ich bin der Meinung, dass die Zukunft von meinem Land, der Ukraine, und auch die Zukunft der anderen Länder dieser Welt sich dort entscheidet. Putin hat gestern den Befehl gegeben, Atomraketen bereitzustellen. Die Leute müssen verstehen, es geht nicht mehr nur um einen Krieg in der Ukraine. Ich weiß nicht, wie verrückt Putin ist. Ich weiß nur, dass er verrückt genug ist, die Ukraine anzugreifen und dies mit derart unglaubwürdigen Argumenten zu begründen. Die letzten vier Tage habe ich meiner Meinung nach alles gemacht, was ich von Deutschland aus machen kann. Ich habe mich an Sammelaktionen für die Zivilbevölkerung, die Armee und die humanitäre Hilfe beteiligt, habe geholfen, Informationen auszutauschen, habe an Demos teilgenommen und dort gesprochen, heute spreche ich mit dir. Von Deutschland aus, glaube ich, gibt es nichts mehr, was ich tun könnte. Ich kann es nicht ertragen, einfach hier zu sitzen und zuschauen, wie die Menschen dort sterben.

Es ist also für dich dein Ultima Ratio?

In dem Sinne ja.

Als sich die Vorfälle die letzten Tage überschlagen haben, welcher Vorfall, welcher Trigger hat dich schlussendlich dazu gebracht, dieser Überzeugung zu folgen und dich dem Kampf gegen die russischen Truppen anzuschließen?

Ich wollte schon letzten Donnerstag losfahren, als die russische Invasion begann. Ich habe dann mit einem Freund vor Ort geschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich nun bereit sei, mich der Verteidigung anzuschließen. Er hat mir erzählt, dass die Männer, die sich dem territorialen Schutz anschließen, keine kugelsichere Westen, keine Helme und nur unzureichende militärische Ausrüstung haben. „Du bist in Deutschland“, hat er gesagt. „Du hast da viele Freunde, auch in anderen EU-Staaten und der USA. Kannst du für uns Hilfe organisieren?“ Am Anfang, bevor Polen und die anderen Staaten Hilfe schickten, hatten die Leute vom Territorialschutz nichts. Die haben eine Waffe bekommen, um dann in Jeans und Pullover loszuziehen.
Deswegen bin ich zunächst hier geblieben und habe das organisiert. Es kam aber der Moment, an dem ich dachte, jetzt habe ich alles eingeleitet, jetzt kann ich hier nichts mehr bewirken. Ich habe dann die Entscheidung getroffen, in die Ostukraine zu fahren.

Wie fühlst du dich bei dem Gedanken daran, dass du für deine Überzeugung möglicherweise auf andere Leute schießen und sie verletzen musst oder selbst verletzt werden könntest?

Es ist für mich sehr schwer, darüber nachzudenken, dass ich das eventuell jemandem antun muss. Das ist sehr hart für mich. Es sterben in diesem Konflikt aber auch Frauen und Kinder. Ich weiß, für die meisten mag das kein Argument sein, aber wenn es hilft, dann werde ich im Kampf nicht zweifeln und das Richtige tun.

Dennoch möchte ich nochmal betonen, dass der Gedanke, das Leben eines anderen nehmen zu müssen, für mich das Allerschlimmste ist. Ich bin mit diesem Gedanken oft allein. Ich denke oft darüber nach. Dieser Gedanke ist tief in mir drin. Es ist eigentlich so was von gegen meine Natur. Ich meine, ich bin in der Ost-Ukraine aufgewachsen. Raufereien waren da nicht unüblich und kamen regelmäßig vor. Von daher ist Kämpfen für mich nichts Neues. Aber danach hat man ein Bier getrunken und darüber gelacht und noch einen schönen Tag gehabt. Aber das ist etwas völlig anderes.

Hast du ein Vorbild, das das Gleiche tun würde oder bereits getan hat?

Ich war kein Fan von unserem Präsidenten Selenski. Er hat schon eine sehr spezielle Politikkarriere hingelegt, bis er Präsident war. Er war früher Komiker. Klar, er ist der Präsident. Er hat getan, was er konnte. Trotzdem haben viele ihn nicht ernst genommen. Die letzten vier Tage hat sich das für viele aber geändert. Als die USA anbot, ihn und seine Familie außer Landes zu bringen, lehnte er ab. Er brauche kein Taxi, sondern Waffen.

Er engagiert sich sehr für das Volk und verlässt das Land nicht, obwohl er auf der Abschussliste der Russen wahrscheinlich ganz oben steht. Das alles hat ihn für viele Ukrainer:innen und auch für mich zu einem richtigen Leader gemacht. Unser Präsident motiviert uns alle mit seinem Beispiel. Wenn er bereit ist, sein Leben für sein Land und seine Bevölkerung aufs Spiel zu setzen, dann sind wir es auch. Genauso ist es mit dem vorherigen Präsidenten Porschenko. Er ist ein Milliardär. Er hat genug Geld, um sich problemlos in jeder Ecke dieser Welt zu verstecken. Trotzdem ist er in Kiew mit einer Waffe geblieben und beteiligt sich an der Verteidigung. Auch andere berühmte Persönlichkeiten, Sportler:innen, Musiker:innen oder Schauspieler:innen, die eigentlich ausgesorgt haben, sagen Nein zur russischen Invasion und schließen sich dem territorialen Schutz an. Sie alle inspirieren uns.

An der Friedenskundgebung, bei der wir uns kennengelernt haben, haben mehrere ukrainische Redner davon gesprochen, die Freiheit auch in einem gewaltsamen Kampf zu verteidigen. Steht das prinzipiell in Konflikt zu einer friedlichen Lösung oder zum Frieden, den man eigentlich erreichen möchte?

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich habe internationale Beziehungen studiert und kenne mich deswegen mit dem Thema Konflikt ein bisschen aus. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich Albert Einstein und Sigmund Freud zum Thema Krieg und Konflikt viele Briefe geschrieben. Freud hat Einstein dabei erklärt, dass der Konflikt in der Natur des Menschen liege. Ich glaube auch, dass der Konflikt in jedem von uns lebt. Die Ukrainer:innen lieben ihr Leben und ihr Land. Sie gehen normalen Beschäftigungen nach. Sie arbeiten als Bankangestellte, Handwerker:innen oder in der Industrie. Viele haben eine Datscha, bauen am Wochenende daran oder genießen das Leben. Sie sind an sich friedliebende Menschen. Aber für sie und für mich zeigt sich, dass es dafür auch einen Preis gibt, den man je nach Situation in einer bestimmten Währung zahlen muss. Der Preis für Frieden und Freiheit kann in der aktuellen Lage meines Erachtens nicht mehr mit diplomatischen Bemühungen gezahlt werden, sondern mit der Bereitschaft, das eigene Leben dafür einzusetzen. Ich möchte hier mit Nachdruck sagen: Ich bin kein Fan von Krieg! Aber manchmal sind Konflikte unausweichlich. Die russische Regierung hat schon fest damit gerechnet, am 25.2.2022 in der Ukraine siegreich zu sein. Hätte sich ihnen niemand in den Weg gestellt, wäre das wohl auch so gekommen.

Du denkst also, dass der Preis für Frieden der Kampf ist? 

Wie gesagt, ich bin kein Fan von Krieg! Aber wenn man dazu gezwungen ist, ja.

Glaubst du, dass es bald Verhandlungen geben und es zu einer für die Ukraine akzeptablen Lösung kommen könnte?

Während wir sprechen, finden bereits Verhandlungen statt. Ukrainische und russische Vertreter reden gerade an der Grenze zu Belarus. Wie das ausgeht, kann ich nicht beurteilen.

Wie würde für dich eine akzeptable Lösung aussehen?

Viele Menschen in der Ukraine wünschen sich die juristischen Grenzen der Ukraine zurück. Das ist aber nicht meine Meinung für eine gute Lösung. Hier wird mit Russland, einem Land mit Atomwaffen, verhandelt. Selbstverständlich müssten alle russischen Truppen abziehen und für den aufkommenden Schaden Entschädigungen bezahlen. Dennoch fände ich es zunächst akzeptabel, danach einfach wieder den Status quo, den wir vor dem Angriff hatten, wiederherzustellen. Zum Beispiel mit einer neuen Variation des Minsker Abkommens. Ich denke so, weil ich lieber eine für alle Seiten praktikable und bereits dagewesene Lösung wünsche. Davon ausgehend aus könnten dann wieder diplomatische Gespräche geführt werden und das Schlimmste wäre erst einmal abgewandt.

Giorgio ist 29 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und Fotograf. Der Schweizer lebt in Konstanz am Bodensee.

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