zerstörter Panzer in der Ukraine

Ein Panzerwrack vor der Russischen Botschaft

Kunstaktion gegen den Angriffskrieg Russlands

Der brutale Überfall Russlands auf die Ukraine konfrontiert viele von uns mit dem Gefühl der Hilflosigkeit. Was tun, wenn Machthaber sich über Völkerrecht, Menschenrechtskonventionen und Werte hinwegsetzen, zerstören und morden und man selbst keine Handhabe dagegen hat? Kann Kunst eine Antwort sein? Enno Lenze, Direktor des „Berlin Story Bunker“ denkt ja und plant deshalb, einen zerschossenen Panzer aus der Ukraine vor der Russischen Botschaft in Berlin zu postieren. Was vom Bezirksamt zunächst abgelehnt wurde, hat das Verwaltungsgericht nun gestattet: Der Panzer kommt.

Aber wer ist Enno Lenze überhaupt und wie kommt er auf die Idee, einen Panzer nach Berlin zu holen? Schaut man im Internet, dann wird schnell klar: Lenze ist ein Allrounder. Nicht nur Museumsdirektor, sondern auch Kriegsreporter, Unternehmer und Konfliktforscher. Er berät Firmen, verlegt Bücher und betreibt ein eigenes Newsportal. Auf Twitter berichtet er aus Krisengebieten – aktuell immer wieder aus der Ukraine. Was ihn zu dem gemacht hat, was er ist? Ein unglaublich buntes Puzzle an Erfahrungen und Herausforderungen, die ihm widerfahren sind oder die er sich selbst gesucht hat. Lenze war in Kurdistan, drei Tage nachdem der IS Mossul überfallen hatte, er hat aus Afghanistan, Russland, Äthiopien und vielen anderen Ländern berichtet.

Wie er dazu gekommen ist, beschreibt er sehr ausführlich in einem Interview mit den ÜberMedien. Hier nur ein Auszug: „Mich haben Krisen, Kriegsgebiete und die Entstehung und Lösung von Konflikten irgendwie schon immer interessiert. Als Kind habe ich Actionfilme geguckt und mich gefragt, wie funktioniert denn so ein Maschinengewehr? Warum schießt das die ganze Zeit? Hat das Batterien oder sowas? Daraus ergaben sich dann weitere Fragen wie: Warum baut man das? Und wer verkauft das? Bei uns gibt es das nicht, aber im Krieg gibt es das.“

 

Enno Lenze vor Panzer
Enno Lenze vor einem zerstörten Panzer @Enno Lenze // Oben: zerstörter Panzer in der Ukraine @Enno Lenze

Und nun der Panzer vor der Russischen Botschaft in Berlin.

Herr Lenze, sicher vermischen sich heute Ihre Gefühle: Wir erleben die erneute Bombardierung ukrainischer Städte, gleichzeitig kommt die Meldung, dass Sie das Eilverfahren gegen das Bezirksamt gewonnen haben und den Panzer, wie geplant, vor der Russischen Botschaft in Berlin aufstellen dürfen. Was macht das mit Ihnen?

Ja, es ist ambivalent. Ich freue mich sehr über die Entscheidung. Der Krieg ist so unglaublich brutal und nur zwei Flugstunden weit entfernt sitzen wir mit einem Kaffee in der Sonne. Das ist manchmal schwierig zu begreifen. Aber genau deswegen ist es wichtig, die Leute daran zu erinnern, dass sie es hier gut haben und ihr Leben in vollen Zügen genießen mögen. Auf der anderen Seite sollte man das Leid der anderen im Hinterkopf haben und ihnen Hilfe in keiner Form verwehren – so wie es unsere Regierung derzeit tut. Unsere Regierung verhindert Waffenlieferungen unserer Partner, ohne selbst irgendetwas davon zu haben. Das verstehe ich nicht. Das ist so, als wenn man auf einem Geburtstag den Kuchen wegwirft, sobald man selber ein Stück gegessen hat. Am Ende ist die Welt halt sehr kompliziert und ich freue mich hier über den Erfolg, den ich gerade habe.

Mit welchen Reaktionen rechnen Sie seitens der Russischen Botschaft? Und was erhoffen Sie sich generell von der Aktion?

Seitens der Botschaft keine. Diese sind auch nicht die Zielgruppe, sondern nur der hintere Bühnenbereich der Inszenierung. Allgemein hoffe ich, dass es den Menschen die Augen öffnet und die Brutalität und das Leid der Opfer vermittelt, ohne direkt „Schock-Bilder“ zu zeigen. Theoretisch könnte man auch die Bilder der verstümmelten Kinderleichen oder Ähnliches zeigen. Mehr als Ekel und Abneigung würde man damit aber nicht erreichen. Das kann nicht der Sinn einer solchen Sache sein. Die Menschen sollen sich dem Objekt nähern, es ansehen und es in Gänze erfassen. Ich habe immer wieder gesehen, wie Menschen in der Ukraine das erste Mal mit so etwas zu tun hatten und sozusagen von der Faszination des Grauens angelockt wurden, dann aber mehr und mehr die Ironie und die Brutalität gesehen haben: Das große Kriegsgerät, selber ein Opfer eines noch größeren.

zerstörter T-72 Panzer
Zerstörter T-72 Panzer @Enno Lenze

Gibt es schon einen bestimmten Panzer und wenn ja, nach welchen Kriterien haben Sie ihn ausgewählt?

Es gibt keinen bestimmten bisher, es kommen sehr viele in Frage. Jedoch haben alle eins gemein: Man sieht ihnen die entropische Gewalt, welche sie formte, an. Es gibt welche, bei denen so große Löcher in den Seiten sind, dass man durchklettern kann. Andere lagen überschlagen vor mir und die Ketten waren so weit weggeflogen, dass ich sie nicht sehen konnte. Wieder andere haben ihren Tonnen schweren Turm verloren. Unter einem Panzer stellt man sich dieses unzerstörbare, monströse Kriegsgerät vor. Und dann sieht man es verbogen und überschlagen auf der Straße. Da fragt man sich: Welche brutalen Kräfte müssen hier gewirkt haben, um das Objekt so zu verformen? Wer mit Metall in der Kaltverformung arbeitet, der weiß, wie unglaublich schwer so etwas ist. Daher wird es einer in der Art sein und vermutlich ein T-72 Panzer, da diese besonders oft zum Einsatz kamen.

Wann startet die Aktion?

Das ist leider unklar. Nun haben wir erstmal die Erlaubnis, die Fläche zu nutzen. Nun müssen wir den konkreten Panzer auswählen und diesen mit den notwendigen Genehmigungen versehen. Das sind viele, daher kann es sich noch um Monate handeln.

Ist ein ausgestellter Panzer Kunst?

Ein Panzer an sich kaum. Eine Inszenierung eines entropisch verformten Metallstückes, welche eine eigene Geschichte erzählt und Teil einer solchen Inszenierung ist: Ja. Das ist wie mit der Badewanne – an sich ist auch keine Kunst, die von Beuys war jedoch eine.

Welche Rolle spielt Kunst in Kriegszeiten? Können wir mit symbolischen Aktionen heute noch etwas bewegen? 

Kunst als politische Protestform und als Teil oder Gegenspieler der Kriegspropaganda ist seit Jahrhunderten relevant. Auch Kunst als Spielball der Regime – wie zum Beispiel die sogenannte „Entartete Kunst“ während der NS-Zeit. Einen großen Unterschied macht Kunst selten – alleine schon, da sich nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung für Kunst interessiert. Aber es gibt mir die Möglichkeit, mich in einer Form auszudrücken, die mir sonst schwerfällt. Und mir scheint, dass genug Menschen das Projekt verstehen und wahrnehmen. Das soll mir genügen.

Brauchen wir mehr Kunst gegen Krieg?

Ja. An sich brauchen wir von allem mehr, was sich gegen Krieg wendet. Kunst aber besonders. Künstlerinnen und Künstler gehören zu den besonders gefährdeten Gruppen in vielen Kriegen. Kunst muss auch kritisch sein, das gefällt Kriegstreibern selten. Daher freue ich mich über jede Form der kriegskritischen Kunst.

weiterführenden Links:

https://www.berlinstory-news.de/author/enno-lenze
https://www.ennolenze.de/
https://www.tagesspiegel.de/berlin/verwaltungsgericht-gibt-eilklage-statt-bezirk-mitte-muss-panzerwracks-vor-russischer-botschaft-in-berlin-zulassen-8737768.html

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Jeannette Hagen arbeitet als freie Autorin und Kolumnistin in den Schwerpunkten Gesellschaft, Psychologie, Politik und Kunst für verschiedene Medien und Verlage. Neben dieser Arbeit und dem Studium der Politikwissenschaft an der FU Berlin setzt sie sich aktiv für Menschenrechte ein.

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