Regenbogenflagge mit Davidstern beim CSD

Diversität im Judentum

Queere Jüd:innen auf dem CSD in Berlin

Nicht nur von Antisemitismus, sondern auch von Queerfeindlichkeit sind queere Jüd:innen betroffen. Der queer-jüdische Verein Keshet geht gegen diese Diskriminierung vor – auch bei der diesjährigen Berliner CSD-Demo.

Musik dröhnt aus lauten Stereoanlagen auf der Leipziger Straße im Berliner Stadtteil Mitte. Immer mehr Menschen kommen an, tanzen, trinken, feiern. Anders als in den Tagen zuvor ist es an diesem Vormittag nicht so heiß. Eine Brise weht gelegentlich durch die angereihten Trucks und sorgt für eine wohltuende Abkühlung. Ein bisschen Reizüberflutung am Boden, während am Himmel bunt schillernde Seifenblasen zu sehen sind. Polizist:innen stehen am Straßenrand. Schrilles Gelächter bei einer Gruppe von Jugendlichen, die im Kreis auf dem Boden sitzen. Mehrere Regenbogenflaggen und mitten im Getümmel ein nackter Mann.

Nicoleta Mena – Vorstandsmitglied im Verein Keshet @Atahan Demirel / Oben: Zur Diversität im Judentum gehört die Regenbogenflagge mit Davidstern @Atahan Demirel

 

 

Für die CSD-Parade wurde ein Großteil der Berliner Innenstadt für Autofahrer:innen abgesperrt. Noch hat der Demonstrationszug nicht begonnen. In etwa einer Stunde, um 13 Uhr, werden die CSD-Trucks dann entlang der Menschenmenge über den Nollendorfplatz und die Siegessäule zum Finale an das Brandenburger Tor fahren. Doch im Augenblick finden sich die Leute noch ein. Auch Nicoleta Mena ist gerade auf dem Weg zu ihrer Gruppe. Sie ist sichtlich aufgeregt und erheitert: „Wir sind insgesamt ungefähr 30 Leute“, sagt sie und winkt ihren Freund:innen zu, die sie entdeckt hat. Auf ihrem weißen T-Shirt steht in blauer Schrift „Keshet“, daneben ein Davidstern in Regenbogenfarben.

„Wir als Verein Keshet sind bei der diesjährigen CSD-Parade dabei und werden auch für unsere Rechte demonstrieren“, sagt sie bestimmt, bevor sie die anderen zur Begrüßung umarmt. Die 29-Jährige gehört zum dreiköpfigen Vorstandsgremium des Vereins und ist für die Demo von München nach Berlin gereist. Der Verein Keshet in Deutschland setzt sich für die Interessen und Rechte von queeren Jüd:innen ein und wurde vor etwa vier Jahren in Berlin gegründet. Auf der Website stehen die „drei Säulen“ des Vereins: die Schaffung eines „Safer Space“ für die queer-jüdische Community, die „Sensibilisierung von nicht-queeren jüdischen Menschen für LGBTIQ*-Themen“ und die Herstellung von Sichtbarkeit der „Diversität des Judentums“.

Mena steckt Give-aways in ihren Jutebeutel, die sie später an die CSD-Besucher:innen verteilen wird. Sie wollen mit Keshet-Stickern und bunten Davidstern-Fähnchen auf sich aufmerksam machen. Nicht alle sind aus Berlin, genauso wie Mena reisten manche Keshet-Mitglieder extra für die Parade nach Berlin an. „Für uns ist die Parade wichtig, weil wir zusammenkommen und ein Zeichen für mehr Akzeptanz und Toleranz setzen können“, schildert Mena und tanzt nun ausgelassen mit dem Rest der Gruppe. Passend zum Motto haben sich die Keshet-Mitglieder kunterbunt angezogen. Glitzer auf den Wangen, im Sonnenlicht strahlende Paillettenkleider – und ganz viele Regenbogenfarben. Langsam wird es an diesem Julitag auch wärmer.

 „Für uns ist die Parade wichtig, weil wir zusammenkommen und ein Zeichen für mehr Akzeptanz und Toleranz setzen können“, schildert Mena.

Inzwischen ist eine hohe Anzahl an Menschen auf der Parade eingetroffen. Plötzlich, unter tosendem Beifall, beginnt der Zug sich fortzubewegen. Im Schritttempo erklärt Mena: „Bei dieser Politparade müssen wir als queer-jüdischer Verein auch einen Platz haben. Das Judentum hat viele verschiedene Facetten. Wir wollen die Vielfalt aufzeigen.“ Aus den Wohnungen auf der Straße schauen einige Bewohner:innen auf die Parade herunter und winken erfreut in die Menge. „Gleichzeitig sind wir aber auch hier, weil wir mit unserer Präsenz auf Antisemitismus in queeren Kreisen aufmerksam machen wollen“, so Mena. 

Mehrfach diskriminiert

Antisemitismus existiert auch in anderen Communitys, klar, wobei sich dieser beispielsweise in Form von Beschimpfungen, Bedrohungen und auch extremer Gewalt äußern kann. Dem Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e. V. zufolge wurde letztes Jahr ein Anstieg antisemitischer Vorfälle registriert. Der Verband führt in seinem Jahresbericht 2021 insgesamt 2.738 erfasste Vorfälle auf, wobei Expert:innen von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgehen. Im Vergleich zum Vorjahr mit 1.957 Vorfällen bedeutet das einen Anstieg um 40 Prozent. (*1)

Daneben setzt sich der Verein auch für die Bekämpfung von Queerfeindlichkeit ein – auch in jüdischen Kreisen. Queere Jüd:innen sind intersektionaler Diskriminierung ausgesetzt, also mehrfacher Diskriminierung aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale. Nicht nur erfahren sie Antisemitismus, sondern auch Queerfeindlichkeit.

Meldungen des Bundesinnenministeriums zufolge stieg die Zahl der Gewaltdelikte und Straftaten gegen die LGBTIQ*-Community in den letzten Jahren stetig an. Letztes Jahr erhöhte sich die Zahl der Straftaten auf 870 und die der Gewaltdelikte auf 164, gegenüber dem Jahr 2020 mit 782 und 154. Noch niedriger war die Zahl der Registrierungen im Jahr 2019 mit 576 Straftaten und 151 Gewaltdelikten. Jedoch ist die Dunkelziffer hoch, da nur ein Bruchteil LGBTIQ*-feindlicher Hasskriminalität angemessen registriert oder angezeigt wird. (*2)

„Wir sind auch hier, weil wir eben auf die mehrdimensionale Diskriminierung aufmerksam machen wollen“, sagt Mena und blickt durch die Menge. „Es ist leider ein Bestandteil jüdischen Lebens in Deutschland, dass für die eigene Sicherheit gesorgt werden muss. Wir müssen uns immer darauf vorbereiten, dass wir bei öffentlichen Veranstaltungen, wie zum Beispiel hier beim CSD, mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert sein könnten. Aus diesem Grund melden wir uns grundsätzlich auch immer bei der Polizei vorab an, bevor wir an so einer öffentlichen Organisation teilnehmen“, berichtet Mena.

Tanzende Teilnehmer:innen beim CSD
Keshet-Mitglieder aus ganz Deutschland demonstrieren auf der CSD-Parade @Atahan Demirel

Botschaft an Bord

„Unser Fokus liegt ganz klar darin, einen diskriminierungsfreien und inklusiven Raum für queere Jüd:innen zu schaffen“

Das wurde dieses Mal nicht gemacht. „Um die Sicherheit mussten wir uns nicht kümmern, weil das die Botschaft übernommen hat“, erklärt Mena und zeigt auf den gewaltigen Truck neben ihr. Keshet ist für die CSD-Parade eine Kooperation mit der israelischen Botschaft eingegangen. Der Truck ist voll mit Mitarbeitenden der Botschaft, auch einige Keshet-Mitglieder tummeln sich auf dem Dach des Wagens. Die Farben auf dem Truck sind hauptsächlich weiß und blau. Ein großes Banner mit dem Schriftzug „Keshet“ hängt vom Dach des Trucks und macht die Karosserie bunter. 

Bei Keshet wurde darüber debattiert, ob eine Teilnahme an der CSD-Parade mit der israelischen Botschaft stattfinden sollte. „Wir machen als Vorstand des Vereins keine persönlichen politischen Positionierungen und sehen es nicht als unsere Aufgabe an, Stellung zu der israelischen Politik zu beziehen, wenn diese über die Themen LGBTIQ* und Judentum hinausgehen. Unser Fokus liegt ganz klar darin, einen diskriminierungsfreien und inklusiven Raum für queere Jüd:innen zu schaffen“, verdeutlicht Mena. Schlussendlich entschied sich der Verein für eine Kooperation mit der Botschaft, weil sie die Existenz des israelischen Staates genauso wie Keshet befürwortet. Jedoch ist es für den Verein wichtig, zu betonen, dass er zu keiner politischen Stellungnahme gewillt ist, solange es sich nicht um „Israelbezogenen Antisemitismus handelt“. 

„Mit unserer heutigen Beteiligung haben wir für mehr Sichtbarkeit für die queer-jüdische Gemeinde gesorgt, doch Sichtbarkeit allein reicht leider nicht. Der Kampf gegen Antisemitismus und Queerfeindlichkeit muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden“, sagt Mena und blickt in Richtung Bundestag, der sich hinter dem Tiergarten befindet. Eine große Gefahr gehe insbesondere von rechtsextremistischen Personen aus. Zivilgesellschaftliche Akteur:innen wie Keshet benötigen die richtigen politischen Rahmenbedingungen, um ihre Arbeit zur Bekämpfung von Diskriminierung fortzusetzen. Und zwar so schnell wie möglich.

*1) https://www.tagesschau.de/inland/antisemitismus-rias-bericht-101.html
*2) https://www.lsvd.de/de/ct/2445-Homophobe-Gewalt

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Atahan Demirel ist freier Journalist aus Stuttgart. Er schreibt insbesondere über Belange, die mit Vielfalt, Antirassismus und Steuergerechtigkeit zu tun haben. Als Gastarbeiterkind weiß er, dass diskriminierende Strukturen zu hohen Belastungen führen können.

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