Circular Cities

Warum Einfamilienhäuser undemokratisch sind und verboten gehören.

Was in den Tageszeitungen immer gut ankommt, sind Bilder eines Nachnutzungskonzept für stillgelegte Gebäude und Gelände. Beispielsweise der Berliner Flughafen Tegel: viel Grün an Fassaden und Dächern. Fenster, die bis zum Boden reichen und vor allem: viel Technik. Windkraft, Solar und andere High-Tech-Versprechen sind da zu sehen. Gebäude, getrennt durch breite Straßen und mit derart viel Abstand zueinander, dass man sich hier nur schwer einen Tante-Emma-Laden vorstellen kann. 

Viel entschiedener und konsequenter sind die Stadtvisionen der Vor- und Nachkriegszeit. Neue Werkstoffe wie Stahlbeton, neue Mobilitätsformen wie das Automobil und neue Kommunikationsformen wie das Telefon waren die Game Changer des damaligen Zeitgeistes. 

Doch was kommt nach Künstlicher Intelligenz, Block-Chain-Programmierung und Sonnen- und Windkraft? Oder anders ausgedrückt: Was kommt nach der Globalisierung? Die Kolonisierung des Mars? 

Es gibt verschiedene Bilder von der Architektur der Zukunft. Es kommt zuweilen darauf an, wen man fragt. Diesen Zukünften liegt immer eine bestimmte Sehnsucht zugrunde, die wir Architekt:innen in Räume übersetzen sollen. Mir scheint, diese Sehnsüchte lassen sich in drei Kategorien einteilen: 

  1. Die Architektur des grenzenlosen Wachstums.
  2. Die Architektur des Öko-Regimes und 
  3. Die Architektur einer Welt ohne Staatsgrenzen. 

Also eine ökonomische, eine ökologische und eine politische Architektur.

Die Architektur einer Welt ohne Staatsgrenzen

Die politische Zukunft einer Stadt illustriert der Soziologe Harald Welzer eindrücklich in seinem Werk „Alles könnte anders sein“. Eine Welt, in der zwar staatliche Institutionen wie Parlament, Finanzamt und Ordnungsamt immer noch das Sagen haben, aber auch eine, in der es keine Pässe und Grenzen mehr gibt. Eine Architektur, die bestimmt wird von Gemeinwohlbanken, Genossenschaften und Unternehmen mit langfristigen Perspektiven. In dieser Welt ist das Instandsetzen bestehender Bauten wichtiger als neue Prestige-Architektur. Es gibt dennoch spektakuläre Bauvorhaben: inkrementelle Architektur zum Beispiel. Geprägt wurde dieser Begriff von dem chilenischen Architekten Alejandro Aravena. Seine preisgekrönten Reihensiedlungen sind absichtlich nur zur Hälfte fertig. Die zweite Hälfte wird von den Bewohner:innen mit lokalen Rohstoffen und Handwerker:innen laienhaft ergänzt. In Welzers Stadt gibt es kaum noch Autos. Alle fahren selbst, und zwar Fahrrad. Im Grunde sieht diese Welt aus wie Kopenhagen.

Die Architektur des Öko-Regimes

In der ökologischen Vision ist die Stadt vor allem eins: grün. Straßen und Parkplätze werden von Beton und SUVs befreit. Häuser sind aus Holz, Wände aus Stroh und Lehm. Die Architekt:innen dieser Zukunft heißen Satish Kumar, Rob Hopkins oder Vandana Shiva. Allesamt eher Gärtner:innen als Städteplaner:innen. Permakultur und Transition Town sind die Schlagwörter, eine von traditionellen chinesischen und südamerikanischen Landwirten inspirierte Haltung, die auf Vielfalt und Geduld bei minimalen menschlichen Eingriffen setzt. Leider liefert Permakultur keine Antwort auf die Art und Weise, wie Megacitys organisiert und mit Nahrung versorgt werden können. Doch die Praktiken sind allemal inspirierend.

Die Architektur des grenzenlosen Wachstums

Am weitesten verbreitet sind die Visionen der Ökonomen: Elon Musk (Tesla), Mark Zuckerberg (Facebook – inzwischen Meta) und Google sehen nicht mehr den Dollar als Kapital an, sondern die Daten als „Rohstoff der Zukunft“. Allen voran Jeff Bezos, Gründer von Amazon und vermutlich der vermögendste Mensch des Planeten. Um eine „Zivilisation des Stillstands“ zu vermeiden, sieht Bezos in der Eroberung des Weltraums die einzige Alternative, um den wachsenden Bedürfnissen der Erdbewohner:innen nachzukommen. Wenn auf der Erde die letzten fossilen Rohstoffe verbraucht sind, ist der Mars dran. 

Im Leitbild der Ökonomen geht es nicht unbedingt immer um wirklich bahnbrechende Erfindungen – das selbstfahrende Auto (Google Car) und der sprechende Computer (Siri) sind allenfalls Utopien der Sechzigerjahre.

Ihre Architektur ist getrieben von technischer Innovation. Vor allem hoch muss sie sein. Und voller smarter Technologien. Solarzellen auf Fassaden, Kontaktlinsen und Fußgehplatten. Alles wird zur Ressource. Und wenn es nicht Photovoltaik ist, dann darf es auch eine spektakuläre Spiegelfolie sein, wie sie nun in Seoul zum Einsatz kommt. Dort entsteht der „Inifinity Tower“ – das ist die Steigerung der Logik des „groß-größer-am größten“. Ein Turm, der nicht nur unsichtbar gedimmt werden kann, sondern mit tausenden Kameras und Screens ausgestattet ist und Bilder und Werbebotschaften abbilden kann. Architektur als Reklame. Für die Amazons und Tencents dieser Welt. So wie Daten in unsichtbaren Clouds scheinbar verschwinden, mögen die Gebäude der Zukunft auch dieser nahezu biblischen Himmelfahrt nachkommen wollen. Und das viele Grün auf den Zwischengeschossen der Architekturgiganten täuscht darüber hinweg, dass in dieser ökonomischen Utopie die Natur eigentlich nur noch Beilage ist. Spannend allemal sind die neuen Projekte von IKEA, die in Österreich erstmals in ihrer Geschichte die bescheidene blaue Wellblechkistenromantik verlässt und mitten in der Stadt mit grünen Inseln und sogar einem Hotel auf dem Dach experimentiert. Solche Brüche wird es immer öfter geben, auch wenn die Baugesetze in Europa oftmals leider eine zu eindeutige Sprache sprechen. 

Die Digitalisierung und Robotisierung von Baustellen ist hierbei unausweichlich. Gründe sind der Fachkräftemangel und die Generation Z, denn unter den jungen Menschen von heute finden sich einfach keine Betonbauer oder Maurer mehr. Vorfabrikation wird zum Standard werden müssen. Ob hier die spektakulären 3D-Drucker wirklich die Lösung sein werden, wird sich zeigen. Noch sind sie einfach zu lahm und verbrauchen zu viel Energie.

Welche der drei Zukünfte am besten zu Europa passt, kann man heute noch nicht sagen. Wir wissen aber, dass wir nicht so weiter bauen können. Unumstößlich sind folgende Fakten: Der CO2-Ausstoß weltweit ist zu einem großen Teil der Bauindustrie geschuldet. Stahlbeton ist das Krebsgeschwür der Moderne. Der CO2-Verbrauch pro Kopf ist bekanntermaßen beim Fliegen im Inland katastrophal und auf AIDA-Kreuzfahrtschiffen noch miserabler. Doch am schlimmsten ist zweifelsohne das private Auto vor der Haustür. Wie können Quartiere aussehen, in denen Nachbarschaften divers sind und kein Mensch mehr ein privates Auto braucht?

Als Architekt versuche ich, mit ganz kleinen Schritten einige Anregungen zu schaffen. Diese sind in einem utopischen Masterplan zusammengefasst, den ich in den letzten Jahren mit Fachplaner:innen, Konzernen, Laien, Kindern und Wohnungslosen entwickelt habe. Ich nenne ihn: Die Circular City.

Circular City - Stadtentwicklung mit Kleingärten und Hochhäusern

In Pantoffeln kommt man in Deutschland nicht weit. In Deutschland untersagt der sogenannte Flächennutzungsplan am Arbeitsplatz zu wohnen, in der Wohnung zu arbeiten, in Kleingärten zu hausen und auf dem Haus zu gärtnern. In anderen Ländern ist es ähnlich. Wohnen und Gewerbe konkurrieren um die Stadt. Wohnen braucht Kontemplation und Arbeit Konzentration. Doch wer Wohnen von Arbeit trennt, produziert Innen- und Vorstädte, zwischen denen gependelt werden muss. Was wäre, wenn es gelänge, diese Nutzungen zu vereinen? Gemeinsam mit Kleingärtnern und Großkonzernen hat die Tiny Foundation – eine Organisation, die ich gegründet habe – eine Vision entwickelt, in der laute und leise Nutzungen nicht horizontal, sondern vertikal organisiert werden. Industrie, Museen und Supermärkte brauchen wenig Fenster. Sie dürfen das gesamte Erdgeschoss ausfüllen. Auf dem Dach entstehen Hochgärten mit 10.000 m² sozialer Nachbarschaft: Kieztreffs und Kleingärten, Kitas und Spielplätze, Lauben und TinyHouses. Die Hochgärten werden von speziellen Stadthäusern eingerahmt, die den Lärm der Stadt filtern: Sie heißen „Wonderhomes“ und „Co-Being Houses“ und stehen für Gemeinschaft und bezahlbare Mieten. Circular City löst den Widerspruch zwischen Ballungszentrum und Provinz auf. Spektakuläre Fußgängerbrücken vernetzen die Hochgärten und laden die Nachbarn ein, ihre Kreise zu erweitern. Vor Touristen muss sich niemand fürchten. Die Hochgärten sind nur für Nachbarn reserviert. Pendeln wird überflüssig. Unter den Hochgärten ist viel Platz für ArbeitProduktion und Shopping. Und all das in Pantoffel-Distanz. 

Für die Quartiersentwicklung außerhalb des Stadtzentrums folge ich ganz der politischen Linie der grünen Politik Hamburgs. Dort werden neue Bauten von Einfamilienhäusern verboten. Richtig so! Für Vorstädte schlage ich grüne Wohnblöcke mit Dachparks, Kleingärten und Regengärten vor. Umrahmt von zweigeschossigen Maisonette-Reihenhäusern im Rücken des grünen Hügels. Inspiriert ist dieser Wohnungsbau-Typ von den Mietshäusern in Salzburg, die im Rücken den grünen Kapuzinerberg haben. Ich nenne diesen Bautyp Salzburger Block.

Co-Being House und die 100-Euro-Wohnung. Weniger Ego - mehr Wir.

Das Co-Being House ist eine Neubau-Initiative, um bezahlbare Wohngemeinschaften in Innenstädten zu ermöglichen. Es ist ein Typenhaus. Das bedeutet, es kann sich dank seines modularen Baukastensystems an nahezu jede Baulücke in der Stadt anpassen. Anders als bei herkömmlichen Wohngemeinschaften (Co-Living) verfügt jedes Zimmer über eine eigene Küche und ein eigenes Bad. Diese Mini-Wohnung lebt von der großzügigen Deckenhöhe von 360 cm und ist erwachsen aus unseren Tiny House Experimenten. Sie ist gerade mal 7 m² groß und würde demnach in Europa im Schnitt nicht viel mehr als 100 Euro Monatsmiete kosten. Wir nennen diese kleinste Wohneinheit im Co-Being House „100-Euro-Wohnung“. Eine weitere Besonderheit sind die „Harry-Potter-Wände“, die es der Bewohnerin erlauben, die Wohnfläche zu vergrößern und zu verkleinern. Ungewöhnlich für einen Neubau sind die Deckenhöhe von 3,6 m und die Fassade mit den Kreuz-Fenstern. Sogar vor Stuck und Ornament schreckt das Co-Being House nicht zurück. Alles Elemente, die seit der Moderne verpönt sind. Dahinter verbirgt sich eine Strategie: Um eine soziale Durchmischung in der Mieterstruktur zu ermöglichen, muss das Haus auch für die bürgerliche Mittelschicht attraktiv sein. Das Co-Being House wird wegen der innenliegenden Aufenthaltsräume (Co-Being Space) und der radikal kleinen Grundrisse und unglaublich niedrigen Mieten kontrovers diskutiert. Die ersten Co-Being House-Entwürfe wurden in Basel, Wolfsburg und in Berlin in Auftrag gegeben. Stadthäuser mit vier und mehr Geschossen. Für Vorstädte mit einer niedrigeren Geschossigkeit könnten die Salzburger Blöcke eine Antwort sein.

Salzburger Block

Einfamilienhäuser gehören verboten, es sei denn, sie befinden sich auf dem Dach eines Salzburger Blocks. Der Salzburger Block ist eine Kampfansage an die Politik der Zersiedelung. Letzteres ist die gängige weltweite Praxis, dem Wachstum einer Stadt nachzugeben, indem man an den Speckgürteln neue Bauflächen ausweist, in denen allerdings nur mit großem Abstand und mit niedrigen Bauten gebaut werden darf. Einfamilien- oder Wohnhochhäuser am Stadtrand sind die Folge. Auf den Straßen am Stadtrand ist Totentanz, weil ja die Menschen alle in ihren privaten Gärten grillen oder tagsüber in der Stadt sind, wo die Büros, Krankenhäuser und Unis sind, kurzum: Das Leben findet woanders statt. Im Salzburger Block sind Maisonettewohnungen (natürlich rollstuhlgerecht) auf eine Weise konzipiert, dass die Bewohner:innen nicht das Gefühl haben, in einer typisierten Etagenwohnung zu hausen, sondern eher wie in einem schmalen Einfamilienhaus an einer Amsterdamer Gracht. Die Autos parken alle unter der Erde und geben den Blick auf den Straßen frei. Auf dem Dach ist ein 60 Meter mal 60 Meter großer Garten angelegt mit einem Schilfbecken in der Mitte, der auf natürliche Weise Regenwasser speichert und in heißen Sommern das Viertel von innen abkühlt. Diese Dachgärten haben Platz für viele kleine Lauben, in denen sich Familien verwirklichen können. Ähnlich wie in Kleingärten können sie hier ihren Traum vom Eigenheim verwirklichen. Die Maisonette-Wohnungen sind so geschnitten, dass eine fünfköpfige Familie mit Wohnberechtigungsschein hier mit einer Nettokaltmiete in Höhe von 780 Euro glücklich werden könnte, weil auf nur 120 m² Nutzfläche fünf Zimmer Platz finden. Ein Paar mit zwei Kindern findet hier eine Dreizimmer-Wohnung auf nur 60 m² und zahlt bei einem Quadratmeterpreis von elf Euro demnach 660 Euro kalt im Monat. Alle Wohnungen sind WG-tauglich und können schrumpfen und wachsen.

Die Größe ist nicht entscheidend

Psycholog:innen behaupten, dass kleine Wohnungen krank machen. Von den vereinsamten Witwen wissen wir, dass große Wohnungen nicht unbedingt weniger krank machen. Aus unseren Tiny House Villages, wo wir neue Wohntypen bauen und testweise bewohnen, weiß ich, dass die Größe einer Wohnung nicht entscheidend ist. Sie ist so wenig entscheidend wie die Kalorienanzahl eines leckeren Gerichtes, die Temperatur einer Umarmung, die Dezibel-Zahl eines Lieblingsliedes. Es kommt nicht auf die messbaren Größen an, sondern auf drei Dinge:

  1. Freiwilligkeit – entscheiden sich die Menschen aus freien Stücken für diese Art von Behausung?
  2. Rückzugsraum – ist gewährleistet, dass jeder Mensch Zugriff auf einen Rückzugsort hat?
  3. Gemeinschaft – ist in unmittelbarer Nähe ein Ort zugänglich, wo ich Menschen treffe, die ich mag? Und zwar in Pantoffeldistanz?

Wenn wir Städteplaner:innen es hinbekommen, dass sieben Milliarden Menschen (und bald mehr) diese drei Fragen bejahen können, dann wird dieser Planet ein liebevoller Ort. Und das elendige Pendeln wird überdies abgeschafft. Die Circular City kann überwiegend aus Holz bestehen. Keine „bösen“ Werkstoffe und genügend Sickerflächen auf den Hochgärten für Regengüsse, die durch den Klimawandel nicht weniger werden. Das Bedürfnis nach dem Haus auf dem grünen Land muss obsolet werden, weil der Blick aus dem Schlafzimmer mitten in der Stadt so grün und ruhig ist wie auf dem Land. Die Menschen sollen ihren Wirkungskreis in ihrem Pantoffel-Radius verwirklichen können. Wozu noch Autos? Wozu Fahrräder? Menschen entdecken den Spaziergang neu. Wenn wir lernen, unseren Individualraum zu minimieren, zugunsten der Gemeinschaftsflächen, dann können wir es uns auch leisten, die Wälder der Erde unangetastet zu lassen. Die Erde könnte sich erholen von den CO2-Torturen der Moderne. Die Bienen und der Lachs kommen zurück und wir können getrost den Mars in Ruhe lassen.

Van Bo Le Mentzel ist Architekt, Lehrer, Journalist, Autor, Filmemacher und hat schon viele Projekte ins Leben gerufen. Unter anderem die Karma Chakhs, die tinyhouse University oder die HartzIV Möbel.

Foto: ©Caroline Prange

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