Klimaproteste in Berlin

Radikale Bewahrer:innen

Warum es für Veränderungen keinen Umsturz braucht

Vor ein paar Tagen gab es im Berliner Tagesspiegel ein Interview mit dem Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Auf die Frage, warum niemand alarmiert war, als 2002 und 2003 bereits extreme Wetterlagen zu verzeichnen waren, 2003 im „Jahrhundertsommer“ in Europa sogar 70.000 Menschen aufgrund der Extremwetterbedingungen starben, antwortet er, dass er nicht wisse, was denn noch passieren müsste, „damit die Menschen verstehen, was auf dem Spiel steht“. Viel ist seither passiert.

Ich möchte diese Antwort als Ausgangspunkt für meine Gedanken nehmen, denn ich frage mich auch seit geraumer Zeit, wie es sein kann, dass wir uns mitten in der Klimakrise befinden und trotzdem nicht angemessen handeln. Schlimmer noch: Die, die unentwegt gewarnt haben oder warnen, werden verunglimpft, lächerlich gemacht oder kriminalisiert. Erst gestern wurden die Wohnungen von elf Teilnehmer:innen der Letzten Generation durchsucht. Ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Das muss man sich mal vorstellen. Was erwarten die Behörden, was sie dort finden? Kleber?

Darüber hinaus gibt Medien, die regelrechte Kampagnen gegen die Letzte Generation fahren oder Wissenschaftler:innen diskreditieren. Doch so, wie die Tötung des Überbringers der schlechten Nachricht in der Bibelgeschichte den Inhalt der Nachricht nicht ungeschehen macht, wird sich die Klimakrise davon nicht aufhalten lassen. Sie trifft uns und macht auch vor denen nicht Halt, die sich einen „F*ck you Greta“ Sticker auf das Autoheck kleben oder den Klimaaktivist:innen Alarmismus vorwerfen.

Die Mitglieder der Letzten Generation haben erkannt, was auf dem Spiel steht und kanalisieren ihre Verzweiflung in ihren Protestaktionen. In einem Interview auf ihre Motivation angesprochen, antworten zwei von ihnen: „Wir wollen unsere Demokratie, unseren Staat und unser Leben als solches erhalten“. Dafür nehmen sie in Kauf, verhaftet oder beschimpft zu werden. Aber sind sie nicht die wahren Bewahrer? Mehr als jene konservativen Kräfte, die von sich behaupten, bewahren zu wollen, gleichzeitig aber alles, was unsere Zukunft schützen würde, blockieren?

Und während die Teilnehmenden der Letzten Generation von vielen öffentlich in eine Reihe mit der RAF und mit Terroristen gestellt werden, bemühen sich dieselben „konservativen Kräfte“, die Taten derer herunterzuspielen, die ernsthaft den Rechtsstaat gefährden. Die Waffen horten, Umsturzpläne schmieden, Todeslisten führen, die Regierung nicht anerkennen. „Harmlose, verwirrte Rentner“ oder „Spinner“ seien das, tönt es unter anderem aus den Springer-Häusern und man solle doch besser nach links oder auf die radikalen Klima-Kleber schauen. Auch hier passt die Antwort von Stefan Rahmstorf: Was muss denn eigentlich noch passieren, damit die Gefahr, die von rechten Extremisten droht, ernstgenommen wird? Muss noch jemand sterben?

Ein „gefühlt“ richtiger Zweck würde nicht die Mittel heiligen, schrieb mir neulich jemand, als ich in einer Diskussion gegen die Gleichstellung der Aktionen der Letzten Generation und denen der Reichsbürger:innen argumentierte. Ich persönlich finde, dass man schon ganz schön viel verdrängen muss, um zu der Ansicht zu gelangen, dass es da Parallelen gäbe. Ganz vorneweg die Tatsache, dass es bei den Zielen der Letzten Generation nicht um richtig oder falsch, sondern um konkrete Verträge geht, die die Bundesregierung nicht einhält. Auch die Klimakrise ist nicht richtig oder falsch. Sie ist einfach real und bedroht unsere Zukunft. Sie lässt sich nicht in Beurteilungskategorien einordnen. Der Umstand, dass viele sie nicht wahrhaben wollen, hingegen schon.

Und, wenn man es zu Ende denkt, dann ist die Verdrängung eigentlich das, was radikal ist. Vor ein paar Minuten bekam ich eine WhatsApp von Freunden, die gerade irgendwo in den Bergen unterwegs sind: „Die Skikanonen geben ihr Bestes“, schreiben sie. Super, denke ich. Wieso muss man Ski fahren, wenn es eigentlich keinen Schnee gibt? Und damit in Kauf nehmen, dass Energie für das eigene Vergnügen im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert wird? Aber ich will es gar nicht nur auf den Einzelnen abwälzen, denn es geht ja um die Regierung, die ihre Zusagen nicht einhält und damit den Rechtsbruch begeht. Und weil trotzdem viele die Aktionen der Letzten Generation gern in einen Topf mit denen von Extremisten und Terroristen werfen, sei noch hinzugefügt, dass die Regierenden auch an dieser Stelle versagt haben. Sie haben viel zu lange zugesehen, haben relativiert und die Gefahr, die von Rechts droht, heruntergespielt.

Protest ist nie angenehm. Soll er auch gar nicht sein. Sonst würde ihn niemand wahrnehmen. Sich anzukleben ist nichts anderes als der Spiegel für das, was wir alle tagtäglich tun. Wir kleben an unseren Privilegien, an unserer Gier, an unserem Besitz, an unseren Gewohnheiten. Dem Klima ist das egal. Dem Eis auf Grönland auch. Selbst den Gletschern. Sie schmelzen einfach dahin. Und während die, die den Umsturz planen, keinen angemessenen Plan für das haben, was da auf uns zukommt, wissen die Protestler:innen der Letzten Generation die Wissenschaft hinter sich und viele, viele Menschen, die einfach nicht mehr bei diesem zerstörerischen Wachstums-Run mitmachen wollen.

„Mit der derzeitigen Klimapolitik steuern wir auf drei Grad Erwärmung zu, das wäre katastrophal. Eine ähnlich hohe Erdtemperatur gab es zuletzt im Pliozän vor rund drei Millionen Jahren“, sagt Stefan Rahmstorf im Interview. Auch damals gab es ein Massensterben. Damit sich das nicht wiederholt, bräuchten wir nicht weniger, sondern mehr Radikalität: radikales Umdenken, radikale Reaktionen, radikale Neuausrichtung. Und alles ganz ohne Umsturz. Nur mit Mut und dem Willen, das, was uns lieb ist, zu bewahren.

©Foto: Pressebereich Letzte Generation

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Jeannette Hagen arbeitet als freie Autorin und Kolumnistin in den Schwerpunkten Gesellschaft, Psychologie, Politik und Kunst für verschiedene Medien und Verlage. Neben dieser Arbeit und dem Studium der Politikwissenschaft an der FU Berlin setzt sie sich aktiv für Menschenrechte ein.

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