Frischer Wind im Weltall

Lamja Aazzouzi und Dilara Ülker im Gespräch

Für viele ist sie ein Dorn im Auge, doch Dilara Ülker ist fest entschlossen: Sie möchte die erste deutsche Frau mit Kopftuch sein, die ins Weltall fliegt. Im Interview redet sie über Ängste und Hürden, aber auch darüber, warum sie das alles für ihren Vater tut.

Elf deutsche Astronauten waren bisher im Weltall, alles weiße Männer. Die 26-jährige Berlinerin Dilara Ülker möchte die Nummer zwölf sein – und damit nicht nur sich selbst, sondern auch anderen marginalisierten Menschen den Weg ins Weltall ebnen. Gedanklich ist sie zumindest schon dort: Kaum betrete ich den Zoom-Call, begegne ich einer lächelnden Dilara Ülker mit einem faszinierenden Weltraumhintergrundbild. Ich frage sie, wie es ihr geht, sie erzählt mir von ihrem Arbeitsalltag in einem Softwareunternehmen. Selbstverständlich duzen wir uns, das ist so üblich in „migrantischen“ Communitys.

 

»Ich bin eine Frau. Ich bin Muslimin. Ich trage das Kopftuch. Und ausgerechnet ich möchte Astronautin werden? Das ist für viele ein Dorn im Auge.«

 

Lamja Aazzouzi: Dilara, wir beschäftigen uns in unserem Magazin unter anderem mit dem Thema „Visionen“. Das kann für jede und jeden etwas anderes sein. Was ist deine Vision?

Dilara Ülker: Ich habe mir fest vorgenommen: Ich möchte Astronautin werden. Komme, was wolle! Das ist aber mit vielen Hindernissen verknüpft. Wahrscheinlich bin ich die erste muslimische Frau mit Kopftuch in Deutschland, die überhaupt diesen Schritt wagt und ein paar Regeln durchbricht. Ich ebne mir und anderen einen Weg in einen Raum, in dem wir nicht vertreten sind.

Was sind das für Hindernisse, von denen du sprichst?

Als ich meinen Berufswunsch nach außen getragen habe, kamen Menschen zu mir, sogar aus meinem familiären Umkreis, und sagten: „Du bist ein Mädchen, denkst du wirklich, du könntest Astronautin werden? Ist dir bewusst, dass du als Hausfrau enden wirst und dich um deine drei, vier Kinder kümmern wirst? Eventuell wird dein Mann dir nicht mehr erlauben, dass du überhaupt arbeiten gehst, geschweige denn überhaupt das Haus verlassen darfst.“ Das war so ein Schockmoment für mich. Aber damit weiß ich jetzt umzugehen, und das hindert mich überhaupt nicht daran, an meinem Ziel zu arbeiten.

Das sind heftige Worte! Und abseits von der Familie, was musstest du dir generell anhören?

Das ist noch einmal ein ganz anderes Problem. Ich lebe in Deutschland. Ich bin eine Frau. Ich bin Muslimin. Ich trage das Kopftuch. Und ausgerechnet ich möchte Astronautin werden? Das ist für viele ein Dorn im Auge. Ich habe viele negative Kommentare von Deutschen bekommen. Aber: Das motiviert mich umso mehr! Jetzt werde ich es erst recht durchziehen. Ich meine, wer sind die überhaupt?

 

Foto: ©History in HD

Nach ihrem Studium der Astrophysik erhielt Dilara Ülker eine Jobabsage nach der anderen. Als sie dann einen Job fand und glaubte, dass endlich alles gut läuft, wurde ihr aus rassistischen Gründen gekündigt. Wenn sie darüber redet, wirkt die eben noch fröhliche Dilara Ülker etwas bedrückt.

 

Wie geht’s jetzt weiter auf deinem Weg, Astronautin zu werden?

Meine Bewerbung für die Astronautenausbildung habe ich bereits an die Europäische Weltraumorganisation geschickt. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als geduldig zu warten. Währenddessen bereite ich mich psychisch darauf vor. Ich stelle mir Fragen wie: Wie geht es weiter, wenn ich es schaffe? Aber auch: Was geschieht, wenn ich es nicht beim ersten Mal schaffe? Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig. Was ist, wenn ich doch einen Schritt weiterkomme, wie sieht es dann für mich aus? Wenn dann die Astronautenausbildung starten sollte, gibt es viele Dinge, auf die ich verzichten muss. Und ich muss viel reisen. Würden das meine Eltern erlauben? Ganz schwierig. Mama sagt dann sofort: „Bevor du nicht verheiratet bist, gehst du nirgendwo hin.“ Und da fängt dann auch schon das erste Problem an. Am Anfang sagte sie mir immer: „Guck erst mal, ob du es überhaupt schaffen wirst.“ Ich denke, sie realisiert langsam, dass sie loslassen muss.

 

Neben den gesellschaftlichen Hindernissen ist es oft auch die Familie, mit der man vieles austragen muss. Selbstbestimmung und Freiheiten sind nicht immer eine Selbstverständlichkeit, sondern ergeben sich manchmal erst nach Kämpfen, die jede und jeder unterschiedlich führt. Für Eltern ist die Abnabelung der Kinder sicherlich ein schmerzhafter Prozess, für Kinder ein unabdingbarer Teil ihrer Entwicklung. Solche Herausforderungen öffentlich anzusprechen, ist schwierig, weil man als muslimische, migrantisch gelesene Frau immer Gefahr läuft, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.

 

Und was erwartet dich dann in der Astronaut:innenausbildung?

Es gibt zwei verschiedene Formen von Astronauten: Weltraumtouristen und berufliche Astronauten. Mein Weg ist der zweite. Im All würde ich dann entweder forschen, oder es gibt auch Astronauten, denen die Aufgabe zugeordnet wird, Teile an einer Raumstation anzubringen. Was mir dann in Zukunft zugeordnet wird, weiß ich noch nicht. Ich würde es auch so gerne schon im Voraus wissen. Ich bin Astrophysikerin mit dem Forschungsschwerpunkt ‚Schwarze Löcher‘. Wenn ich die Möglichkeit bekommen sollte, diese vom Weltall aus weiter zu erforschen, wäre das der absolute Hammer. Meine Augen würden nur so funkeln.

 

»Mein Vater war meine erste Bezugsperson, die mir schon als kleines Kind ins Ohr flüsterte: Dilara, wenn du groß bist, wirst du Astronautin.«

Wenn die Welt zu klein wird, betrachtet man sie am besten von oben. Foto: ©Martin Jaros

Wie kommt es, dass du dich so sehr für Schwarze Löcher interessierst?

Ich hatte wahrscheinlich eine ungewöhnlichere Jugend. Ich hatte andere Interessen als der Rest. Mein zweites Zuhause war das Planetarium Deutsche Stiftung in Berlin. Da gibt es eine Sternenwarte, in der auch regelmäßig Kurse angeboten wurden. Ich habe mich dann heimlich dort angemeldet. Die Kurse fanden immer abends statt, und meine Mutter wollte nicht, dass ich abends allein unterwegs bin. Also musste ich sie anlügen und habe ihr gesagt, dass ich mit einer Freundin hingehe. Ich bin aber allein hingegangen und erst Stunden später nach Hause gekommen. Der Kurs wurde von einem Professor geleitet, der mich dann später im Astrophysikstudium an der Universität betreute. Ich saß da als 15-Jährige in einem Raum, der mit lauter alten Opis gefüllt war. Das war alles super spannend und aufregend für mich.

Und hast du Vorbilder?

Andere würden an der Stelle vielleicht eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler nennen. Aber das sind auch nur Menschen mit Fehlern. Wieso kann man sich nicht sein eigenes Vorbild sein? Warum ist man nicht stolz auf sich und sagt: „Ich habe so viel geschafft, krass. Ich bin richtig stolz auf mich.“ Ich möchte mir selbst, aber auch der jüngeren Generation ein Vorbild sein. Dennoch habe ich auch noch meinen Vater, zu dem ich oft als Vorbild aufblicke.

Also ein Papakind?

Mein Vater war meine erste Bezugsperson, die mir schon als kleines Kind ins Ohr flüsterte: „Dilara, wenn du groß bist, wirst du Astronautin.“ Das hat mich sehr positiv beeinflusst. Ich mache das auch für ihn, er wäre auch gerne Astronaut geworden, doch er hatte nicht die Möglichkeit dazu.

 

Kein Einzelfall. Unsere Eltern hatten oft nicht die Möglichkeiten, sich beruflich selbst zu verwirklichen. Das hat ganz oft mit ihrer oder der Migrationsgeschichte ihrer Eltern zu tun. Geldverdienen war oftmals wichtiger als der Traumjob. So tragen Kinder der zweiten oder dritten Generation in Deutschland häufig den Gedanken mit sich, dass diese Einbußen der Eltern „nicht umsonst“ sein durften. Sie setzen sich hohe Berufsziele, um damit die Mühen der Eltern zu würdigen.

 

Und was bedeutet deine Religion für dich?

Ich habe schon früh vieles hinterfragt, auch meinen Glauben. Mit 14/15 habe ich eine ganz große Selbstfindungsphase gehabt, bei der ich überlegt habe, ob ich mich wirklich dieser Religion hingeben möchte. Damit ich diese Überzeugung aufbauen kann, habe ich versucht, das mit meiner Leidenschaft, der Astronomie, zu verknüpfen. Im Koran findet man beispielsweise einige Verse, in denen es um Astronomie geht. Außerdem war ich so beeindruckt von den Planeten, als ich diese mit einem Teleskop beobachtete. Ich dachte mir: Es muss da jemanden geben, der das erschaffen hat. Das hat mich sehr fasziniert, und so habe ich meinen Weg gefunden.

Stell dir vor, du bist kurz davor, als Astronautin ins All zu fliegen. Du darfst vor einer Gruppe sprechen, die in irgendeiner Form Diskriminierungserfahrungen macht. Was wären deine Worte an diese Personen?

Ich würde so was sagen wie: „Es hat mich so viel Energie gekostet, so viel Kraft, aber ich habe es geschafft! Ganz ehrlich, wenn ich das schaffe, wirst du es auch schaffen. Wir können aus dem Unmöglichen das Mögliche schaffen, solange wir mit dem Herzen dabei sind und solange unsere Absichten rein sind. Und ich wünsche mir, dass jeder Mensch seine Bestimmung findet, sie erfüllen kann und unsere Gesellschaft jede und jeden dabei unterstützt.

Das sind sehr schöne Abschlussworte. Dilara, ich danke dir für das inspirierende Gespräch!

Ich habe zu danken. Salam!

 

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Lamja Aazzouzi ist gesellschaftskritische Poetin und Spoken-Word-Künstlerin. Im Zuge der JIK Medienakademie 2021 hat sie gemeinsam mit acht weiteren angehenden Journalist:innen im eigens kreierten Magazin „Rauschen"  das muslimische Narrativ in Deutschland neu gedacht.

Foto: ©Julius Matuschik

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