Ilkan Atesöz, Handy

Einmal FDP und zurück

Mein Ausflug in den Opportunismus

»Ich habe als Werbetexter 2,5 Jahre Wahlkampagnen für die FDP entwickelt. Gewählt habe ich sie selbst noch nie. Wieso ich diesen Widerspruch in Kauf genommen habe, was das mit mir gemacht hat und warum das alles vielleicht gar nicht so schlecht war.«

Hätte man mir vor 10 Jahren gesagt, dass ich in naher Zukunft für die FDP schreiben würde, ich hätte es nicht geglaubt. Man hätte mir schon die klapprige Zeitmaschine im Hinterhof zeigen und belastendes Beweismaterial vorlegen müssen. Etwa, wie ich im Jahr 2020 Christian Lindner in seinem Büro im Paul-Löbe-Haus treffe, um YouTube-Bumper zu drehen. Dann, und nur dann, hätte ich es akzeptiert. Und mich infolgedessen wohl präventiv von einer Brücke gestürzt.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich gerade frisch gebackener Abiturient. Mit 13 + 2 Jahren Schulkarriere gehöre ich dabei zu den knusprigeren Absolventen. Von meiner Wand blättert ein verlotterter Kurt Cobain. Ich hänge in autonomen Jugendzentren mit Marxisten ab, trinke viel und bin allgemein das exakte Gegenteil von einem Leistungsträger. In meinem Freundeskreis wählt man Die Linke oder Die Partei. Der bekannteste FDP-Mann heißt noch nicht Lindner, sondern Westerwelle und löst in mir mit seinem gelispelten A1-Englisch ein diffuses Gefühl aus, für das später einmal ein geniales Wort erfunden werden wird: Cringe.

 

»Auf einmal sitze ich im 6. Stock eines brutalistischen Elfenbeinturms am Oranienplatz und hacke, umgeben von nacktem Sichtbeton, Sätze wie „Steuererhöhungen sind Sabotage am Aufschwung“ oder „Werden wir das Land, das in uns steckt“ in ein Textdokument.«

Als ich 2016/17 dann auf einmal die Wahlwerbespots der Freien Demokraten in den sozialen Netzwerken viral gehen sehe, traue ich meinen Augen erstmal nicht. Ein stylish angeblitzter Christian Lindner in Schwarzweiß-Optik. Lässig im T-Shirt. Augenringe, Drei-Tage-Bart. Clevere, ja sogar witzige, oder zumindest gewitzte, Slogans. Ich sehe das erste Mal politische Werbung, die mich in meinem (zweifelhaften) Selbstverständnis als progressiver, junger Typ abholt. Und ich weiß: Es geht in diesem Wahljahr vielen jungen Menschen so. Irgendwo schnappe ich hier auch zum ersten Mal was von der „heimat Werbeagentur“ auf.

Zwei Jahre später – ich bin gerade mit dem (Film-)Studium fertig und suche nach einem Job – zuckt der Name „heimat“ wieder durch meine Gedanken. Ich beschließe kurzerhand, ein Remake des Christian-Lindner-Wahlwerbespots mit mir in der Hauptrolle zu drehen, und schicke es los. Man beschließt, mich einzustellen, und steckt mich – quelle surprise – ins FDP-Bataillon.

Auf einmal sitze ich im 6. Stock eines brutalistischen Elfenbeinturms am Oranienplatz und hacke, umgeben von nacktem Sichtbeton, Sätze wie „Steuererhöhungen sind Sabotage am Aufschwung“ oder „Werden wir das Land, das in uns steckt“ in ein Textdokument. Ich trinke zu viel Kaffee, schlafe schlecht, habe ständig Angst, dass mir die Ideen ausgehen, und verdiene ein Gehalt, für das sich Christian Lindner nicht mal den Wecker stellen würde. Wenn mir nichts einfällt, schieße ich einfach gegen die Grünen oder puzzle mir Sätze mit Worten wie Fortschritt, Zukunft oder Neustart zusammen. Ansonsten denke ich mir absurde PR-Stunts aus, die in 99 % der Fälle zu gar nichts führen und in 1 % dazu, dass Christian Lindner seine Parteitagsrede auf Chinesisch eröffnet. Manchmal laufe ich bis spät abends in meiner Wohnung in der Rigaer Straße auf und ab und versuche, wie C. L.* zu sprechen. Wenn etwa Redebausteine benötigt werden, für eine wichtige Rede im Parlament oder auf dem Parteitag. Natürlich mache ich das immer genau so leise, dass meine links-autonomen Nachbarn nicht auf die Idee kommen, mein Haus anzuzünden.

Aus dem Bewerbungsvideo, das mir den Job eingebrockt hat. Alle Stills: ©Nicolas Schindler

Die FDP jedenfalls – allen voran C. L. – sprechen und denken anders als ich. Niemals würde C. L. „einen Döner mit Scharf zum Mitnehmen“ bestellen. Nein! Wenn, dann „einen pikanten Fleischwickel mit gemischtem Beilagensalat zum Mitführen“. Wahrscheinlich aber eher eine Currywurst. Mich faszinieren die eigentümlichen Sprachbilder. Die teils fast schon obsoleten deutschen Worte. Die hochtrabende, aber gleichzeitig auch zugängliche Tonalität. Pathos und Epos tropfen aus alarmierenden Zeilen wie: „Skepsis ist die Abrissbirne der Möglichkeiten“ oder „Nichtstun ist Machtmissbrauch“. Zusammen mit ihrer jahrelangen Werbeagentur hat die FDP ihre eigene Sprache gefunden und damit in der politischen Landschaft neue Maßstäbe gesetzt. Ob man sie nun mag oder nicht.

In meinem Freundeskreis wird mein Job schnell zum Running Gag. Ich finde das nicht unfair, schließlich helfe ich hauptberuflich Lord Voldemort dabei, in Hogwarts einzureiten. Wenn ich z. B. auf einmal für die Bebauung meines geliebten „Tempelhofer Feldes“ werben soll, dem vielleicht schönsten Ort Berlins. Die endlose Weite, der immer frische Wind, die unsterblichen Sommernächte. Allein die S-Bahnfahrt dorthin löst Urlaubsgefühle in mir aus. Zwar spricht die FDP vorsichtig von einer Randbebauung – wir alle wissen aber: Wenn der erste Bagger rollt, steht da schneller ein dreistöckiges Bowling-Center, als man freie Marktwirtschaft sagen kann. Kann ein Feld nicht einfach mal ein Feld sein? Muss alles immer in Wertschöpfungsketten und schwarzen Zahlen gedacht werden? Dass gerade eine freiheitliche Partei den gesellschaftlichen Wert dieses freiheitlichen Wahrzeichens nicht begreift, zeigt, wie frei man das Wort „Freiheit“ interpretieren kann. Und es nagt an mir.
Das Gleiche, als C. L. beschließt, sich in einen querulantischen Kampf mit der „Fridays for Future“-Bewegung zu verzetteln, und jungen, engagierten Menschen ernsthaft rät, den bevorstehenden Weltuntergang am besten den Porsche-Ingenieuren zu überlassen. Damit sie ja nicht den wertvollen Unterricht verpassen, den wir in jeder zweiten Bildungs-Headline als „katastrophal veraltet“ monieren. Wir rupfen uns reihenweise die Haarbüschel vom Kopf und irgendwann steht dann irgendwo „Bildung for Future“.

»Dass gerade eine freiheitliche Partei den gesellschaftlichen Wert dieses freiheitlichen Wahrzeichens nicht begreift, zeigt, wie frei man das Wort „Freiheit“ interpretieren kann.«

Meine Motivation ziehe ich vor allem aus persönlichen Erfolgen. Wenn ich meine eigene Arbeit in den Medien sehe oder wir für Kampagnen Werbe-Awards gewinnen. Denn so banal die Wahlkämpfe und Slogans auch oft daherkommen, sie zu konzipieren und zu schreiben ist kein Spaziergang. Jeder Tropfen Originalität ist ein stetiges Abwägen gegen die Verständlichkeit der politischen Botschaft. Jedes „Motto“, das am Ende so austauschbar wirkt, ein Substrat quälend langer Meetings, wochenlanger Zeilen-Marathons und etlicher Tabula-Rasa-Feedbacks. Bis drei Worte wie „Denken wir neu“ auf dem Papier stehen, wird in der Tat sehr sehr oft neu gedacht. 

Nach 2 Jahren in diesem Werbetexter-Trichter kenne ich das FDP-Mindset in- und auswendig. Ich weiß, wie sie tickt, ich weiß, wie sie tackt. Manche Argumente schleichen sich sogar unterbewusst in meine private Meinung ein. Auf einmal höre ich mich selbst gegen Enteignung wettern, dabei war mir das doch immer Latte? Wirklich klar trennen mich von einem echten FDPler irgendwann nur noch meine nicht vorhandenen Segelschuhe und meine riesige Schadenfreude, wenn die FDP mal wieder Mist baut. Etwa, als wir gerade im Endspurt des Düsseldorf-Wahlkampfes stecken, welcher vor allem auf Verkehrspolitik ausgelegt ist, nur damit der dortige Wahlkampfleiter dann sternhagelvoll mit dem Auto in eine Laterne donnert. Was uns die Kompetenz, über das Tempolimit zu sprechen, von 0 auf 130 in drei Sekunden entzieht. Oder als uns der eigentlich exzellente Wahlkampf in Thüringen um die Ohren fliegt, weil unser Kandidat, ein Cowboystiefel tragender Ex-Friseur, auf einmal beschließt, historische Scheiße zu bauen, und gemeinsam mit der AfD Bodo Ramelow zum Weinen bringt. Ein politisches Erdbeben, welches für einen Monat ganz Deutschland in Aufruhr versetzt. Nicht alle Teamkolleg:innen machen danach weiter. Ich schon. Zumindest noch ein knappes Jahr, dann nehme auch ich meinen Hut.

Trotz all den Fehltritten, Eskapaden und den doch zu unterschiedlichen Ansichten habe ich heute mehr Verständnis für die Positionen der FDP. Mir fällt auf, dass ich bei den obligatorischen Twitter-Bashings nicht mehr so genüsslich mitlese wie früher. Sie langweilen mich sogar. Zu weich das Ziel, zu redundant die Pointen. Für eine Punchline mag es eine potente Prämisse sein, jede Äußerung der FDP in Lobbyismus und Geldgier zu betonieren. Und ein Politik-Erstsemester wird mit seinem „Die haben doch keine Inhalte“-Joke sicher immer Likes in seiner Bubble abstauben. Das war’s dann aber auch. Klar, ein guter Tweet ist ein guter Tweet. Es ist aber eben auch etwas einfacher, Witze über Menschen zu machen, die sich engagieren, als sich selbst einzubringen. Es ist sogar ein wenig dekadent. Die FDP hat antiquierte, unrealistische ökonomische Ansichten und wirkt oftmals herzlich wenig an Einzelschicksalen interessiert. Sie erweckt auch nach wie vor den Eindruck, den Klimawandel nicht so richtig ernst zu nehmen. Wegen der kürzlich gescheiterten Impflicht für über-60-Jährige bin ich jetzt sogar wieder richtig wütend auf sie. Trotzdem: macht das FDP-Politiker:innen gleich zu schlechten Menschen? Im Grunde macht die Partei nur demokratische Vorschläge. Vorschläge, mit denen wir unser Land Vollgas gegen die Wand fahren. Trotzdem: Es sind nur Vorschläge. Und wir können sie ablehnen, das Auto stehen lassen und sagen: Ich nehme lieber das Rad und fahre um die Wand herum. Diese Menschen sind von ihrer Sache überzeugt, so richtig oder falsch sie auch ist, und sie opfern ihre Lebenszeit dafür. Ich für meinen Teil kann nur sagen: wenn ich heute ehrenamtliche FDP-Fußsoldaten im strömenden Regen am Straßenrand stehen sehe, dicht unter einen Pavillon gedrängt, Passanten hoffnungsvoll ihre gelben Flyer entgegenstreckend, dann ringt mir das mittlerweile Respekt ab. Ich laufe natürlich zügig weiter und sage höflich „Danke, auf gar keinen Fall“, aber tief drinnen, da ist Respekt.

Ilkan Atesöz, FDP-Plakat
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İlkan Ateşöz lebt und arbeitet als Werbetexter in Berlin. Er hat eine Vorliebe für Art-House-Kino 
und Herbert Grönemeyer und steht oft mitten in der Nacht auf, um Boxkämpfe live zu gucken. Natürlich hat er auch einen Podcast. Wer mehr wissen will hört rein in Das Kek Versteck auf Spotify oder iTunes.

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