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Die Mär von der „Demokratisierung der Mode“

Warum der Terminus in der Fast-Fashion-Branche kompletter Bullshit ist.

Der Ausdruck „Demokratisierung der Mode“ kam Anfang der Nullerjahre auf, als die ersten Fast-Fashion-Ketten den Markt mit Entwürfen namhafter Modedesigner wie Karl Lagerfeld oder Stella McCartney fluteten. Design erschwinglich für alle machen, so lautete die schöngefärbte Devise.

Schöngefärbt, weil es am anderen Ende der Welt Menschen gab und gibt, die sich Fast Fashion wie die von H&M und Zara schlichtweg nicht leisten können, weil deren Produktion unter für sie menschenunwürdigen Bedingungen stattfindet. Ein nigelnagelneues Drei-Euro-T-Shirt mag für uns ein Schnäppchen sein, für Textilarbeiter:innen – und die Umwelt – ist es eine Katastrophe. Und tatsächlich geht diese Art der Schönfärberei von Fast Fashion nicht selten mit Greenwashing einher.

Die Realität hinter der „Demokratisierung der Mode”

Laut der Organisation Workers Rights Consortium verdienen Textilarbeiter:innen durchschnittlich 187 US-Dollar im Monat im Globalen Süden – während der Pandemie waren es im Schnitt nur noch 147 US-Dollar. Ein existenzsichernder Lohn läge bei einem Vielfachen des Mindestlohns des jeweiligen Produktionslands. Das Magazin Fashion Changers hat die Diskrepanz zwischen Mindestlohn und Existenzlohn hier erschreckend anschaulich dargestellt.

Die Arbeiter:innen sind dadurch gezwungen, Überstunden zu machen. Sie arbeiten bis zu sechzehn Stunden am Tag, haben nur sonntags und an wenigen Feiertagen frei. Gewerkschaften? Fehlanzeige.

Sweatshop, Indonesien
Textilfabrik in Indonesien. Foto: ©Rio Lecatompessy

Unser Billigkonsum ist nur durch die Ausbeutung anderer möglich!

Können wir uns überhaupt als Demokratie verstehen, wenn wir durch unseren Konsum oder unser unternehmerisches Tun andere Menschen ihrer Freiheiten und Grundrechte berauben? Nein, können wir nicht. Der Wohlstand Deutschlands gründet – wie der aller westlichen Industrienationen – auf kolonialistischen Praktiken, die sich bis heute fortsetzen.

Diese Ausbeutung ist jedoch nicht vereinbar mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen: „Jede arbeitende Person hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihr und ihrer Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen“ (Artikel 23/3).

Dabei wäre es so einfach: „Wir haben ausgerechnet, dass es die Marken nur zehn Cent pro T-Shirt mehr kosten würde, um sicherzustellen, dass die Textilarbeiter:innen die Pandemie zumindest überleben können. Dies ist das Minimum, das Marken auf dem Weg zu existenzsichernden Löhnen tun sollten. Es ist realisierbar und Marken und Einzelhändler, die das leugnen, stellen ihre Profite über das Wohl der Menschen, die ihre Produkte fertigen“, sagt Fabienne Winkler von der Kampagne für Saubere Kleidung.

Der Greenpeace Report „Konsumkollaps durch Fast Fashion“ legt dar: Während die Preise für Verbraucherwaren mit der Inflation in den letztes 30 Jahren stets gestiegen sind, sanken die Preise für Mode durch Fast Fashion sogar noch, ebenso wie die Qualität. Damit haben sich gleichzeitig auch Lebensdauer und Tragedauer verkürzt.

Die Pandemie könnte jedoch die Wende bringen: Die Unterbrechung globaler Lieferketten und Materialknappheit bedeuten, dass die Kosten für unsere Kleidung laut dem „State of Fashion 2022“-Bericht von Business of Fashion und McKinsey & Company um durchschnittlich 3,2 Prozent in diesem Jahr steigen werden.

Währenddessen kaufen deutsche Verbraucher:innen im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr – tragen diese allerdings nur noch halb so lang wie noch im Jahr 2000. Mode ist durch Fast Fashion zum Wegwerfprodukt verkommen. Das muss sich dringend ändern – aus sozialen wie aus ökologischen Gründen!

Was für eine echte Demokratisierung der Mode notwendig wäre

Kleiderberge
Kleiderberge in einer verlassenen Textilfabrik in Kambodscha. Foto: ©Francois Le Nguyen

Am Mittwoch, den 30. März 2022 hat die EU-Kommission im Rahmen ihres Green Deals Vorschläge unterbreitet, die in die richtige Richtung gehen: Die Kreislaufwirtschaft soll gestützt und gegen Unternehmen, die Verbraucher:innen mit falschen Umweltaussagen oder Greenwashing irreführen, vorgegangen werden. Diese Forderungen sind jedoch bei weitem noch nicht umfassend genug:

Statt sicherzustellen, dass ihre Lieferanten angemessene Löhne zahlen, lagern globale Textilkonzerne die Verpflichtungen zu existenzsichernden Löhnen lieber an externe Initiativen aus – und entziehen sich somit der Verantwortung und auch der Kontrolle.

  • Es braucht deshalb ein Lieferkettengesetz, ergo echte Transparenz, wo unter welchen Umständen gefertigt wird, und Kontrollen, existenzsichernde Löhne, Betriebsräte und Regularien beim Einsatz von Chemikalien.
  • Es braucht Geldstrafen für das Wegwerfen, Verbrennen oder Verschachern von Ware.
  • Es braucht eine „Abfallgebühr“ auf Fast-Fashion-Artikel (basierend auf Qualität und Langlebigkeit der Materialien und der Anzahl der jedes Jahr veröffentlichten Kollektionen) wie Robin Balser, CEO von Vinokilo am 31.März 2022 auf LinkedIn angeregt hat, damit die wahren Kosten von Fast Fashion auch sichtbar werden.
  • Es braucht eine gesetzlich geregelte, erweiterte Produzentenverantwortung, die Textilfirmen verpflichtet, nicht nur ihre Lieferketten im Blick zu haben, sondern sich auch darüber hinaus um verkaufte und nicht verkaufte Produkte zu kümmern. In Frankreich gibt es ein solches „Extended Producer Responsibility“-Gesetz. Kann ein Unternehmen kein eigenes Sammel- oder Recyclingprogamm auf die Beine stellen, ist es gezwungen, für jedes auf den Markt gebrachte Kleidungsstück einen bestimmten Betrag an ReFashion zu zahlen – ein gemeinnütziges Unternehmen, das von den französischen Behörden mit der Sammlung, Sortierung und Verwertung von Textilien beauftragt wurde.
  • Es braucht einen Modekreislauf, der bereits im Produktdesign gedacht wird und in dem der momentane Textilmüll zu einer Ressource für neue Waren wird.
  • Es braucht Anreize für den Kauf von Second-Hand-Kleidung und fürs Reparieren – wie z.B. null Prozent Mehrwertsteuer auf Second-Hand-Kleidung und Reparaturservices.

Und auf Konsument:innenseite braucht es mehr Wissen und Verständnis über die Arbeiten, die zur Herstellung, aber auch Weiterverwertung von Kleidung investiert werden. Vielleicht, indem wir versuchen, selbst ein Kleidungsstück zu nähen oder in einem Sortierbetrieb aushelfen. Wenn wir dann auf die Stunden, Zeit und Mühe schauen, dann realisieren wir auch, was ein angemessener Stundenlohn dafür wäre.

Es ist noch ein langer Weg, bis Mode demokratisch für alle Menschen ist. Denn zu den moralischen Wertender Demokratie zählt auch, dass alle, die am Prozess beteiligt sind, zumindest menschenwürdig davon leben können. Es geht um die Sicherung der Lebensbedingungen aller Menschen.

Und deshalb muss Mode am Ende vor allem eines sein: Verkraftbar für die planetaren Grenzen dieser Erde, damit Menschen auch in Zukunft noch menschenwürdig leben können.

Janine Dudenhöffer könnte man wahrscheinlich als „Sustainable Influencer“ bezeichnen, wollte man sie in eine Schublade stecken. Mit starkem Willen und neuen Ansätzen hat sie die Mission, blinden Konsum zu ändern.

Foto: ©Chiara Doveri

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