Alyona

Schreiben ist meine Superpower

Die ukrainische Rapperin Alyona Alyona im Gespräch

Als eine wichtige feministische Stimme aus der Ukraine hat die Rapperin Alyona Alyona, 31, in den letzten Monaten einen Weg gefunden, sich für die Ukraine einzusetzen. Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine brach für sie eine neue Ära an – den ganzen Sommer tourte sie durch Europa.

Alyona, du hast einen Sommer voller Konzerte hinter dir. Wie geht es dir jetzt?

Mir geht’s gut. Meine große Europatournee neigt sich dem Ende zu. Im Oktober werde ich zwei Auftritte haben. Oh mein Gott, ich fühle mich gesegnet! Ich freue mich darauf, zu entspannen, freie Zeit zu haben und neue Songs zu schreiben – das ist so wichtig für mich. Ich habe das Gefühl, dass ich voller Energie bin, aber bis jetzt hatte ich keine Zeit zu schreiben.

Wie viele Konzerte hast du diesen Sommer gespielt? 

Ich glaube, es waren 28, vielleicht 30 in den drei Sommermonaten. Und dann noch 7 oder 8 im September. 4 Monate, vierzig Konzerte! Für eine andere Person ist das vielleicht nicht zu viel, aber für mich schon. Denn es waren immer verschiedene Länder, immer hieß es: unterwegs sein, unterwegs sein, unterwegs sein. Und ich dachte mir – uff!

Das klingt superanstrengend. Und dazu ein Krieg in deinem Land. Ich schätze, da geht dir viel durch den Kopf?

Ja. Und ich musste immer auf die Nachrichten achten und Informationen verbreiten. Während dieser ganzen Zeit war ich zweimal zu Hause, um meine Eltern zu besuchen!

Bevor Russland begann, die Ukraine anzugreifen, hattest du ganz andere Pläne, oder?

Das ist wahr. Ich hatte vor, mich öfter mit meinem Team zu treffen. Außerdem dachte ich, dass ich meine Gesundheit checken lassen und Sport treiben würde. Ich habe mir gedacht: Ich werde Zeit für mich haben – und ich muss das tun! Aber nein. Dafür werde ich jetzt Zeit dafür haben. Weil die 4 Monate auf Tour zu viel von meiner Gesundheit abverlangt haben. Weil ich müde bin. Weil ich immer ein bisschen besorgt bin. Jetzt muss ich die Zeit für mich nehmen, um das in Ordnung zu bringen und im Dezember und November gut zu mir zu sein. 

Schön, dass du dir nach diesem konzertreichen Sommer etwas Zeit nehmen kannst. Vor allem, wenn das schon zu Beginn des Jahres dein Plan war! Was hat dich angetrieben, trotz des Krieges weiter Musik zu machen? 

Es ist mein Talent, es ist mein Job – mein toller Job! Außerdem habe ich so viele Dinge, über die ich sprechen möchte. In Europa und in der Ukraine. Ich arbeite im Moment mit so vielen Künstler:innen zusammen. Denn wir kämpfen jetzt alle an einer Front: der Kunstfront mit Mikrofonen. Und wir müssen unseren Job machen und den Menschen Hoffnung geben. Sie fühlen es, und sie wollen es hören. Vielleicht wollen sie weinen, vielleicht lieben, vielleicht tanzen, vielleicht wütend sein. Es geht um Gefühle, das müssen wir tun. Und jetzt habe ich so viele Features, ich muss meine Songs schreiben, es gibt eine lange To-do-Liste! (lacht)

©Thea Marie Klinger

Also endlich auch Zeit zum Schreiben im Oktober?

Ich nutze jeden Moment in meiner Freizeit, um zu schreiben. Aber noch mehr als Rap-Texte schreibe ich jetzt Gedichte, weil ich mich wieder verliebt habe, und das hat mich sehr inspiriert. Ich schreibe über die Liebe, über die Liebe, über die Liebe. Liebeslieder sind nicht meine Stärke. Also habe ich mich für Gedichte entschieden. Und für mich fühlt es sich gut an: Ich schreibe etwas über Liebe, oh mein Gott, ja. Und dann wieder aggressiven Rap! 

Eine gute Kombination!

Ja! Und ich denke, dieser Krieg, die Situation in meinem Land, in meinem Leben, hat mir die Möglichkeit gegeben, zu verstehen, was mein Weg ist. Früher war ich Kindergärtnerin, dann habe ich angefangen, Rapperin zu werden, und ich dachte, Rap ist mein Weg. Aber nein! Meine Superpower ist nicht der Rap, sondern das Schreiben. Ich kann Bücher schreiben, ich kann Gedichte schreiben, ich kann Rap-Texte schreiben. Das ist das, was mich in meinem Leben am glücklichsten macht. 

Vor dem Krieg drehten sich deine Texte hauptsächlich um Armut, Klimawandel und Schönheitsnormen. Wie bist du dazu gekommen, über diese Dinge zu schreiben?

Weil es mich aufregt. Wenn ich etwas um mich herum sehe, mit dem ich nicht einverstanden bin, möchte ich darüber sprechen. Als ich berühmt wurde, wussten die Menschen in der Ukraine noch nicht viel über Body Positivity. Ich wollte, dass sie verstehen, dass es okay ist, alles zu essen und fett zu sein. Es geht darum, es zu akzeptieren! Nicht nur, wenn man fett ist. Du sagst: Ich akzeptiere mich, ich liebe mich. Und dann will ich etwas mit mir machen, oder ich will nichts mit mir machen. Das ist nur meine Entscheidung und nicht deine.

Was glaubst du, für wen du schreibst?

Ich denke, dass ich für zwei verschiedene Gruppen von Menschen schreibe. Zum einen die neue Generation – Menschen zwischen 20 und 30, die versuchen, sich selbst im Leben zu finden und herauszufinden, wie sie in dieser Welt nützlich sein können, wie sie sich mit anderen zusammenschließen können, um diese Welt glücklicher, sauberer und sicherer zu machen. Um etwas Liebe zu verbreiten. Die zweite Gruppe sind Menschen, die auf einer Welle mit mir sind, die älter als 30 sind, die einfach das Gefühl haben wollen, dass sie nicht die Einzigen auf dieser Welt sind.

Und was sind deine eigenen Vorstellungen für die Welt von morgen?

Mein Traum ist es, dass mein Land ein Teil von Europa wird, das ist superwichtig für mich. Ich meine – zuallererst –, dass wir diesen Krieg gewinnen und dass dieser Krieg aufhört. Das ist so ein crazy shit, und es ist ein Beispiel für die ganze Welt, es ist verrückt, weil es das 21. Jahrhundert ist. Ich habe so viele nette Europäer:innen getroffen, die ich einladen möchte, denen ich zeigen möchte, wie schön die Ukraine ist, wie lecker unser Essen ist.

Wenn ich über mich selbst spreche – dann möchte ich eine gute Balance zwischen Arbeiten und Kreativsein finden. Die gibt es jetzt nicht, ich arbeite viel, schreibe kaum, das ist nicht gut. Ich möchte genauso viel Zeit zum Kreativsein haben, wie ich zum Arbeiten habe. 

Viel Glück Alyona, und vielen Dank!

©Thea Marie Klinger
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Thea Marie Klinger ist Dokumentarfotografin und Journalistin. Ihre Arbeiten drehen sich rund um Fragestellungen zu sozialer Ungleichheit und Gender.

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