Gruppenbild KUSENG

„Door Opener“ gegen Gatekeeper

Der digitale KUSENG aus Braunschweig

Die Künstlerin und Aktivistin Tiana Kruškić und Andru König vom Kollektiv „Remember Why U Started“ (RWUS) geben im Interview spannende Einblicke zur KUSENG App, ihrer Motivation, einen Mindshift in der Gesellschaft anzuregen, und wie sie nachhaltig gegen Diskriminierung vorgehen wollen.

 

Es ist Freitag Abend und du willst mit Freund:innen unbeschwert feiern gehen. Dabei ist die einzige Sorge, die euch umtreibt, welchen Club ihr diesmal besucht. Was für manche Menschen unserer Gesellschaft wie der Anfang einer aufregenden Nacht klingt, hat für einige leider ein vorhersehbares Ende: wenn ihnen nämlich der Zugang an der Clubtür verwehrt wird. Im Interview geben Künstlerin und Aktivistin Tiana Kruškić und Andru König vom „Remember Why U Started“ Kollektiv spannende Einblicke zur KUSENG App, ihrer persönlichen Motivation, einen Mindshift in der Gesellschaft anzuregen, und dazu, welche Strategie sie verfolgen, um nachhaltig gegen Diskriminierung vorzugehen.

Die App will einen Grundstein legen, um auf ein eklatantes, langwährendes Problem in unserer Gesellschaft hinzuweisen: die Diskriminierung an Deutschlands Clubtüren und die damit einhergehende künstliche und willkürliche Trennungslogik. Während sich ein Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft die Frage, ob sie der Norm ausreichend entsprechen, um feiern gehen zu dürfen, nicht stellen muss, werden vor Club- und Bartüren feierfreudige Personen aufgrund spezifischer Merkmale ausgeschlossen.

APP Oberfläche KUSENG App
App-Oberfläche KUSENG/ Sobhi Hammoud und Tiana Kruškić / Oben: KUSENG Gruppenbild @Andreas Rudolph

Von Willkür und Macht – „Heute schwer, ne? Du kommst rein, du nicht.“

 

Dass dies keine Seltenheit ist, zeigt sich in Erfahrungsberichten auf Instagram, Twitter und weiteren Social-Media-Plattformen. Besonders BIPoC scheinen häufiger davon betroffen zu sein. „Die Grenze zwischen persönlichen Aspekten und Rassismen ist an diesen Orten nicht grenzscharf“, sagt Andru König, der mit Tiana Kruškić stellvertretend das Interview für das sechsköpfige Macher:innenteam führt. „Uns geht es darum, alle Beteiligten mitzunehmen. Indem wir Impulse setzen, die über einen bloßen Fingerzeig hinausgehen. Wir arbeiten lösungsorientiert, um Veränderungen zu bewirken.“ Damit es nicht bloß bei Empfindungen oder Interpretationen bleibt, soll die App dabei behilflich sein, über mindestens ein Jahr eine Datengrundlage für eine aussagekräftige Statistik zu schaffen. Diese wird von der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften begleitet und evaluiert. „Erst kürzlich hat Emilia Roig hervorgehoben, wie wichtig es ist, jegliche Debatten auf akademischer Ebene zu führen, um diese mit ernstzunehmender Legitimation in der Gesellschaft einzuführen“, führt Tiana Kruškić aus. Die Kooperation mit der Ostfalia ist wichtig und richtig, denn „die regelmäßigen Treffen dienen der gemeinsamen Annäherung, Lösungsfindung und Fortführung des Projekts KUSENG.  Unter anderem brachte es hervor, dass die Erstellung eines Ethikantrags und einer Datenschutzklärung noch mindestens drei Monate Zeit benötigen, bevor wir mit der App in die Öffentlichkeit treten können. Es ist sehr viel vorab zu klären, bis es ans Eingemachte geht.“

„Wir alle haben das Recht zu tanzen“

if a bird – vier Gründer
Die Macher:innen V.l. Billy Ray Schlag, Tiana Kruškić, Lilith Randhahn, Andru König (nicht im Bild Sercan Özgüler, Sobhi Hammoud) Foto: @Mel Rangel

Denn die App soll nicht nur rassistische Vorfälle nachweisen, sondern ist auf alle Formen der Diskriminierung ausgerichtet. Damit meint Tiana beispielsweise Ableismus: „Wenn jemand nicht reinkommt, weil er im Rollstuhl sitzt und sie keinen Lift haben. Oder weil die Toiletten im Keller sind, ohne Lift“. Ebenso sind Menschen aus der LGBTQIA*-Community betroffen, sagt sie. „In diesen Zeiten kann es nicht angehen, dass queere und Non-binary-Menschen, die nicht der (langweiligen) Norm entsprechen, nicht in den Club kommen. Wir leben im Jahr 2022. Wir alle haben das Recht zu tanzen.“ Ihrer Ansicht nach bewegt sich Benachteiligung an Clubtüren klar auf der systematischen Ebene und der von Racial Profiling, welches per Gesetz verboten ist, aber dennoch stattfindet. Ohne großen Aufschrei. Das soll sich mit der App des Kollektivprojekts um Andru König, Billy Ray Schlag, Lilith Randhahn, Sercan Özgüler, Sobhi Hammoud und Tiana Kruškić ändern. Sie führen damit in gewisser Weise einen Auftrag ihrer Communitys aus, der im November 2021 über Social Media sowohl RWUS als auch If a Bird e.V. erreichte, nachdem eine Braunschweiger Studentin an einer Clubtür rassistisch behandelt worden war. 

Der von ihr auf Instagram veröffentlichte Post löste nämlich große Empörung in ihren sozialen Kreisen aus. „Wir wollten es dann nicht bei dieser Welle belassen, sondern als Akt der Solidarität gemeinsam etwas entwickeln“, bekräftigt Andru. Und damit fiel der Startschuss für diese eigentlich simple, aber zielorientierte Umsetzung.

Ally-Sein bedeutet, gemeinsam Held:innen zu sein

Die App soll für die Braunschweiger Clubszene keine Kampfansage sein, sondern vielmehr eine Möglichkeit aufzeigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu positionieren. Gleichzeitig aber betonen die Macher:innen, dass KUSENG für alle jungen Menschen gedacht ist. „Nicht nur für marginalisierte Menschen, denn wir brauchen auch den Default für die Statistik. Wir wollen die Jugend mobilisieren, damit alle gemeinsam Party machen können“, so Tiana. Und Andru König ergänzt, dass „nicht betroffene Menschen ein wichtiger Teil dieser App sind, nicht nur wegen der Zahlen, sondern für das Community-Gefühl“.

Zukunftsmusik und Realitäten in einer Funktion

Die Bedienung der App soll so selbsterklärend wie möglich sein und befindet sich in den Endzügen der Entwicklung. Die Bewerbung der App soll über Social Media und die klassische Mundpropaganda laufen, erzählt Tiana: „Wir stellen uns vor die Schlangen der Clubs und sagen den jungen Menschen, sie sollen die App runterladen. Dann teilen sie ihre Erfahrungen in und über die Socials.“ 

Zunächst konzentriert sich das Team darauf, die lokalen Clubbesitzer:innen „ins Boot zu holen und das Ganze zu verinnerlichen. Step by step. Und irgendwann wollen wir es definitiv bundesweit starten. Ein weiteres Ziel ist es, die Diskriminierungs-App auf Behörden auszuweiten“, zählen Andru und Tiana auf. „Das bedeutet, sie in mehrere Sprachen zu übersetzen und Werbung zu machen.“

Die Macher:innen appellieren mit der App an die Solidarität und den gemeinsamen Glauben an die gute Sache. Sie soll ein Anfang für mehr Sensibilität und Sichtbarkeit sein, um für alle einen Zustand der Verwirklichung und tatsächlichen Teilhabe in der Gesellschaft zu schaffen. Denn um solch eine Veränderung zu bewirken, „sind nicht nur wir fünf, sondern alle aufgefordert mitzuwirken. Wir sind auf das Mitmachen angewiesen und rufen daher alle dazu auf, Held:innen zu sein, um einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen“, unterstreicht Andru König. 

Wann die App über die verschiedenen Vertriebsplattformen für alle Endgerätnutzer:innen gelauncht wird sowie weitere Aktivitäten rund um das Projekt, kannst du auf dem Instagram-Konto der App verfolgen.

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Atay Küçükler studiert Journalistik und arbeitet als freier Mitarbeiter bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Er ist Mitglied des Jugend-Panels für nachhaltige Entwicklung youpaN sowie Aktivist. In den vergangenen Jahren entwickelte er den ersten niedersächsischen Nachhaltigkeitspreis „#Projekt Erde“ für Schüler:innen aus Niedersachsen. Neben zahlreichen Auftritten als Redner und Referent zu den Themen Nachhaltigkeit, Rassismus und Bildung hat Atay die youcoN-Zukunftskonferenz 2021 und 2022 moderiert.

Türkân ist Inhaberin und CVO der Kulturton-Agentur für Diversität und Transkulturalität / Institut für Gesellschaftskuration. Ihre Kernkompetenzen bilden sich aus ihrer multiprofessionellen Berufsbiographie, ihrer diversen Lebenswirklichkeit und ihrem besonderen Fingerspitzengefühl, um unvereinbar scheinende Wirkungsbereiche miteinander zu verknüpfen.

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