Wenn Unterdrückte unterdrücken

Hass und Gewalt unter Muslim:innen

Die pakistanische Stadt Lahore, bekannt als das Bildungszentrum Pakistans, wurde im Jahr 2010 zum Schauplatz für Hass und Diskriminierung: Eine Gruppe von Taliban verübte einen Anschlag auf die Bait-un-Noor-Moschee und Bait-ul-Zikr-Moschee. Neben mehr als 120 verletzten Ahmadi-Muslim:innen wurden über 80 Ahmadi- Muslime getötet. Dieser Anschlag war kein Einzelfall. Er reiht sich in eine Liste sämtlicher Fälle von strukturell rassistischer und diskriminierender Gewalt ein. Die politische und gesellschaftliche Tabuisierung und Diskriminierung von Ahmadi-Muslim:innen ist immer noch gelebte Praxis, vor allem in muslimischen Ländern. Doch woher hat sie ihre Wurzeln, wie wirkt sich diese aus, und was sind ihre Folgen?

unterdrücken, Lahore
Lahore in Pakistan ©Shazaf Zafar

Als der Anschlag passierte, war ich zwölf Jahre alt. Ich sah meinen Vater, wie er am Tisch saß und im Fernsehen beobachtete, was Hass auslösen kann. Für ihn nichts Unbekanntes. Er sah, wie der eine Bruder den anderen Bruder aus einer Moschee trägt, voller Blut. Dieser Moment, wenn dein Bruder, Vater oder Sohn zum Freitagsgebet geht, voller Freude das Haus verlässt, aber nicht mehr nach Hause kommt. Wo die einen versuchen, zu helfen, noch Leben zu retten, da verteilen die anderen, die Unterdrücker, Süßspeisen als Sieg über die von ihnen verurteilten „Ungläubigen“ und „Ketzer“. Stell dir vor, du sitzt zu Hause, in Besorgnis und dennoch ganz unbesorgt, und es klingelt an der Tür. Nachdem du die Tür öffnest, merkst du, wie deine Nachbarn Süßspeisen verteilen. „Mabrook“ heißt es zu dir. „Die Ungläubigen sind gefallen.“ Mit verschränkten Händen nimmst du diese entgegen. Ein vermeintliches Lächeln aufsetzend und hoffend, dass sie weiterziehen, ohne eine Antwort von dir zu verlangen. Denn dein Hals ist zugeschnürt, und deine Stimmbänder sind nicht in der Lage, sich zu bewegen. Ein Moment, in dem man das Beste im Schlimmsten hofft. Ein Moment, in dem die Zeit stehen bleibt, aber das ganze Leben an einem vorbeizieht. Momente, in denen du verkrampft um Luft schnappst und doch im Trockenen ertrinkst …

Von dem Moment, in dem sich der Anblick meines Vaters in mir eingeprägt hat, berichten andere Betroffene davon, wie sie mit einer zitternden Stimme aus dem Schlaf geweckt wurden und ahnungslos auf den Anruf ihrer Liebsten warteten. Die Verarbeitung der Ereignisse wäre angenehmer, wenn sich diese nicht abermals wiederholen würden, wenn der Staat Versuche unternehmen würde, gegen die Fanatikerinn:en vorzugehen. Der Prozess, die Leichen der Liebsten zu identifizieren, die Familien der unschuldigen Menschen zu benachrichtigen, diese dann zu vergraben und währenddessen keine staatliche Sicherheit und Unterstützung zu bekommen, ist eine traumatische Erfahrung, die für immer die eigene Sichtweise auf das Leben prägt. 

Verfolgt

Die Diskriminierung von Ahmadi-Muslim:innen gibt es schon seit der Gründung der Gemeinde im Jahr 1889. Viele sogenannte Gelehrte betitelten den Gründer, Mirza Ghulam Ahmad von Qadian (AS), als „Ketzer“ und „Abtrünnigen“. Von da an machte sich die politische Verfolgung bemerkbar, wie zum Beispiel im Jahr 1903, als der renommierte Theologe und königliche Ratgeber seiner Zeit, Sahibzada Abdul Latif (RA),durch die Straßen von Kabul, Afghanistan, gezerrt und unter der direkten Aufsicht des afghanischen Amirs gesteinigt wurde. Seitdem sind unzählige Fälle bekannt und dokumentiert, wie Ahmadi-Muslim:innen aufgrund ihres Glaubensverständnisses verfolgt und getötet werden.

1953 erreichte die aktiv sichtbare Propaganda gegen die Gemeinde erneut einen Höhepunkt, da Maßnahmen von der Regierung gegen die Mitglieder gefordert wurden. Um diese konsequent durchsetzen zu können, wurde randaliert und das Leben individueller Bürger:innen erschwert, indem Busse verbrannt und Frauen geschändet wurden. Ahmadi-Muslim:innen, die zuvor ihrer Heimat noble Dienste erwiesen hatten, wurden aufgrund ihrer Gemeindezugehörigkeit boykottiert. Selbst Kinder wurden von ihren Mitschüler:innen und Lehrkräften diskriminiert und ausgeschlossen. 

Diese extremen Ausschreitungen sind bis heute gängige Praxis. Im Jahr 2020 wurde die Leiche eines kleinen Mädchens nur wenige Stunden nach der Beerdigung aus einem Friedhofsgrab in Bangladesch von Fanatiker:innen ausgegraben und am Straßenrand entsorgt. Das Grabmal des renommierten Wissenschaftlers Dr. Abdus Salaam wird auch des Öfteren entstellt. Es vergeht kein Monat, in dem Ahmadi-Muslim:innen nicht wegen ihres Glaubens getötet werden.

©Julius Matuschik

Zu Ungläubigen erklärt

Die politische und gesellschaftliche Diskriminierung macht sich darin bemerkbar, dass sie sich in muslimischen Ländern nicht als Muslim:innen bezeichnen dürfen, ihre Gemeindezugehörigkeit nicht äußern können, ihre Glaubenshäuser nicht als Moscheen bezeichnen dürfen oder andere Muslim:innen nicht einmal mit dem Gruß „Friede sei mit euch“ begrüßen dürfen. In der Konstitution von Pakistan werden Ahmadi-Muslim:innen explizit als Nichtmuslim:innen deklariert, und in ihren Pässen ist ihre Gemeindezugehörigkeit vermerkt. Seit Neuestem wird ihr Glaubensverständnis selbst für Eheschließungen ausgeschlossen. Somit können sie keine Ehe mit vom Staat akzeptierten Muslim:innen eingehen, ohne sich von der Gemeinde schriftlich zu distanzieren bzw. auszutreten. Jährlich finden mehrere Veranstaltungen gegen die Ahmadi-Muslim:innen statt, bei denen die Teilnahme mit Geldern und Ähnlichem belohnt wird. Unter anderem ruft man in solchen Veranstaltungen zum Töten auf. Durch das Töten der Ahmadi-Muslim:innen wird einem das Paradies und ein Platz unter den engsten Gefährten des heiligen Propheten Mohammad (SAW) versprochen. Ein Versprechen, das für viele zu verlockend ist.

Doch wie ist die religiöse Begründung dafür? Jeder Glaube beruft sich auf einen Wahrheitsanspruch. Die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde hält dementsprechend an dem Wahrheitsanspruch fest, dass der heilige Prophet Mohammad (SAW) der letzte gesetzgebende Prophet ist und somit nach ihm kein Prophet mehr erscheinen wird, der eine neue Lehre Gottes mit sich bringt. Denn für die Ahmadi-Muslim:innen ist der heilige Qur’an das vollkommene Buch Gottes, das für die gesamte Menschheit gedacht ist.

Einer der größten Interpretationsunterschiede ist die Rolle von Jesus (AS): Ahmadi-Muslim:innen glauben daran, dass Jesus (AS) die Kreuzigung überlebt hat und nicht lebendig in den Himmel aufgestiegen ist, sondern mit dem Auftrag, die zwölf verlorenen Stämme des Moses zu finden, bis nach Kashmir ausgewandert ist. Dort ist er durch einen natürlichen Tod, wie alle anderen Propheten, zum Schöpfer zurückgekehrt. Gründer Mirza Ghulam Ahmad von Qadian (AS) hat den Anspruch erhoben, der verheißene Messias und Mahdi zu sein, der ebenfalls von weiteren Religionen erwartet wird. Die Mitglieder der Gemeinde akzeptieren ihn somit als solchen, der in der Endzeit erscheinen wird. Eine Überzeugung, die in den Lehren des Islam legitim ist, aber von der Mehrheit der modernen muslimischen Gelehrten nicht akzeptiert wird. Vielmehr führt diese Glaubensrichtung dazu, die Mitglieder als Ungläubige zu bezeichnen. 

Verantwortung

Diese Art der Diskriminierung ist eine jahrzehntelange Tradition, die sich nicht nur in vielen muslimischen Ländern etabliert hat, sondern sich mittlerweile auch in säkularen Staaten in Europa hineinschleicht und ein Fundament der Intoleranz setzt. Unter diesen Umständen sind immer noch Mitglieder der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde von der Abschiebung aus Deutschland bedroht, und noch immer werden selbst Ahmadis an renommierten Universitäten in Deutschland Opfer von Hass, Hetze und Diskriminierung. Neben dem Mangel an Bereitschaft, an einem innerislamischen Dialog teilzunehmen, sieht man auch, wie das Glaubensverständnis der Gemeinde öffentlich falsch wiedergegeben wird. Dies führt nicht nur dazu, dass weiterhin Missverständnisse etabliert werden, sondern auch dazu, dass Möglichkeiten, offen auf einen Austausch einzugehen, eingeschränkt werden.

Meine Version für die Zukunft fängt damit an, dass wir nicht nur beobachten, sondern uns auch für mehr Austausch bereit erklären, dass wir realisieren, wie giftig es für eine Gesellschaft ist, wenn Worte missinterpretiert werden, und dass wir miteinander reden statt übereinander. Dass wir die Würde des anderen nicht verletzen, sondern uns aktiv dafür einsetzen, dass politisch verfolgte Menschen einen Schutz vor den Unterdrückern erhalten. Dazu gehört auch, als Regierung und Individuum Maßnahmen zu ergreifen, andere Länder sowie Institutionen im eigenen Land auf ihre Missstände hinzuweisen, statt so eine Tradition weiterhin zu tolerieren und hinzunehmen. Es ist wichtig, die Unterdrückung einer Gemeinde anzusprechen und das Tabu zu brechen, um das friedvolle Miteinander und Füreinander gewährleisten zu können.

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Tuba-Rahmann ist 24 Jahre und Studentin der  islamischen Theologie in Tübingen. In der Vergangenheit erarbeitete sie mit anderen in ihrer Heimatstadt Reutlingen ein Mentor*innen Programm für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, insbesondere für antimuslimischen Rassismus.

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