Illustration, Integration

Die Wahrheit aus meiner Sicht

Über Integration in Deutschland

Als Geflüchteter, der Ende 2015 aufgrund des Krieges in Syrien nach Deutschland kam, musste ich mich oft mit dem Begriff „Integration“ beschäftigen. So verstehe ich ihn. Das ist die Wahrheit, wie ich sie gesehen und erlebt habe.

Integration ist ein Begriff, der die Menschen in Deutschland seit Jahren beschäftigt. Was bedeutet eigentlich Integration? Wer und was muss sich integrieren? Wie oft hört ihr das Wort „Integration“ pro Woche und warum? In der Soziologie heißt Integration laut Duden „Einbeziehung oder Eingliederung in ein großes Ganzes“. Integration ist auch ein Begriff, den Abiturient:innen und Studierende für die Berechnung eines Integrals gebrauchen. Das ist die allgemeine Definition von „Integration“. Jeder Mensch von uns hat aber zusätzlich seine eigene Definition, die sich je nach Bedeutung, eigenen Interessen und eigenen Erfahrungen unterscheidet. Dieses Wort „Integration“ hört man im deutschen Alltag, seitdem Ausländer:innen in Deutschland leben, und es wird scheinbar nur mit bestimmten Gruppen von Ausländer:innen verbunden: Seit 2015, der sogenannten „Flüchtlingskrise“, wird massiv darüber geredet und diskutiert.

Es wird häufig etwas verlangt, ohne zu wissen, was das, was verlangt wird, wirklich bedeutet und voraussetzt.

„Diese Flüchtlinge müssen sich integrieren.“ Diesen Satz habe ich überall und von allen gehört. Auch von mir und von anderen Geflüchteten: „Ich muss mich integrieren“, bis ich begann, einmal genauer darüber nachzudenken. Ab da habe ich aufgehört, mich so zu integrieren, wie es manche Menschen wollen. Ich muss nicht so sein, wie andere Menschen es von mir verlangen, sondern so, wie ich mich als Mensch dabei wohl fühlen kann. Es wird häufig etwas verlangt, ohne zu wissen, was das, was verlangt wird, wirklich bedeutet und voraussetzt. Es wird häufig etwas verlangt, ohne mit den betroffenen Menschen einmal darüber auf Augenhöhe zu reden.

„Du musst dich integrieren“. Das wars!?

Ja, aber was heißt das genau? Wenn ich zum Beispiel Vollzeit arbeite und Steuern zahle, aber die Sprache noch nicht so gut beherrsche, wäre ich dann trotzdem integriert? Wäre ich integriert, wenn ich auf meine eigene Kultur zwangsweise verzichte und die Kultur der Einheimischen annehme? Oder wäre ich doch eher assimiliert? Diese Details stehen nicht mal im Duden.

 

Wer von einer „gelungenen Integration“ spricht, wenn Geflüchtete bzw. Migrant:innen die Sprache beherrschen UND arbeiten gehen, dessen Erwartungen werden leider nicht immer leicht erfüllt. Geflüchtete bzw. Migrant:innen können in der Regel erst, wenn sie einen gültigen Aufenthaltsstatus bekommen, einen Sprachkurs besuchen, in den Arbeitsmarkt starten und sich selbst finanzieren. Wenn sie dann anfangen zu arbeiten, machen sich einige Menschen Sorgen um ihre Arbeitsplätze: „Die nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg“. Dabei ist es für eben diese Menschen aufgrund ihrer Sprachkenntnisse, ihres Aufenthaltstitels und ihrer Herkunft nicht leicht, einen Job oder einen Ausbildungsplatz zu finden.

 

Man sieht: Integration ist einfacher gesagt als getan. Diese Schwierigkeiten werden auch in den Reden der Politiker:innen im Bundestag oder im Landtag meistens nicht erwähnt! Man hört nur „Geflüchtete bzw. Migrant:innen müssen sich integrieren“, aber gleichzeitig werden Gesetze verabschiedet, die den Integrationsprozess erschweren. Wenn ich das also mal zusammenfassen darf: Eine sogenannte „gelungene Integration“ braucht Folgendes: Einen gültigen Aufenthaltstitel, ein Dach über dem Kopf und eine Gesellschaft ohne Vorurteile.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, die richtigen Personen für Integrationsfragen einzustellen. Es gibt fast in jeder Stadt und in jedem Bundesland in Deutschland den sogenannten „Integrationsrat“, Integrationsbeauftragte oder „Integrationsmanager:innen“, welche sich für die Integration der Neuankommenden einsetzen sollen, was aber meistens aus meiner Sicht nicht der Fall ist. Sie vertreten meistens die Interessen ihrer Parteien. Meiner Meinung nach sind das meistens Menschen, die für diesen wichtigen Job ungeeignet sind. Beispielsweise die Integrationsbeauftragte in Bayern, die im April wegen der „Waschmaschinen-Aussage“ in der Kritik stand. Ich frage mich, wie können solche inkompetenten Menschen so eine wichtige Rolle übernehmen? Daran muss gearbeitet werden!

Illustration, Überforderung
"Im Strudel des Drucks". Alle Illustrationen: ©Louise Krank/ Oben: "Erwartungen der Gesellschaft"

Man muss den Leuten nicht immer wieder sagen: „Du bist gut integriert“. Auch wenn man es gut meint, aber wie lange noch sollte man Menschen eine Bewertung geben?

Außerdem muss man den Leuten nicht immer wieder sagen: „Du bist gut integriert“. Auch wenn man es gut meint, aber wie lange noch sollte man Menschen eine Bewertung geben? Normalerweise bewertet man Klausuren oder eine Leistung, die man in einem Beruf erbringt, aber man kann doch keine Menschen bewerten. Eine Bewertung von Menschen im Namen der Integration steckt sie, meiner Meinung nach, in eine Schublade, aus der sie nie rauskommen können, weil sie sich aufgrund ihrer Herkunft ständig und immer unter Prüfung durch andere Mitglieder der Gesellschaft befinden. Warum kann man die Menschen nicht einfach, wie sie sind, akzeptieren und wahrnehmen? Statt sie durch solche Aussagen direkt und indirekt abzuwerten, sollte man sie persönlich fragen, was sie brauchen, um das, was von der Gesellschaft verlangt wird, realisieren zu können.

 

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"Multikulturelle und diverse Gesellschaft"

 

Wie ich bereits in meinem Buch „Die Wahrheit aus meiner Sicht“ (2021) geschrieben habe: „Integration aus meiner Sicht ist, wenn ich mit dir gerne zum Beispiel Weihnachten feiere und du mit mir einmal Fasten brichst oder ich mit dir Fußball schaue und du mit mir Shisha rauchst. Integration aus meiner Sicht ist nicht, wenn ich die Sprache lerne, zur Schule gehe, arbeite, Steuern zahle, mich an die Regeln halte und mich an den Werten und Normen des deutschen Grundgesetzes orientiere. Das ist keine Integration, das ist selbstverständlich – nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Aber das muss erstmal gesellschaftlich und gesetzlich ermöglicht werden. Für andere zählt das vielleicht mit zur Integration, für mich aber nicht. Es ist ja meine Sicht! Integration ist, wenn unterschiedliche Menschen unabhängig von der Religion und Herkunft miteinander offen auf Augenhöhe reden können, sich gemeinsam freuen und gemeinsam trauern können. Wenn das nicht der Fall ist, haben wir parallele Gesellschaften, die in einem Land wohnen“, was in Deutschland meistens der Fall ist.

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Moutasm Alyounes ist Student, Autor und Sozialaktivist. Er kam mit 17 Jahren Ende 2015 aufgrund des Krieges in Syrien nach Deutschland. 2021 veröffentlichte er sein Buch „Die Wahrheit aus meiner Sicht“. Das Buch handelt von dem Konflikt in Syrien, die Flucht nach Deutschland und das Leben in Deutschland hinsichtlich der Integration, der Medien und der Bildung.

Louise Krank, M. A. Kommunikationsdesign, ist selbstständige Designerin und Illustratorin. Gemeinsam mit ihrem Mann Giorgio Krank bilden sie ein Kollektiv für Fotografie, Illustration und Kommunikationsdesign. Darüber hinaus publizieren sie eigene freie Projekte künstlerischer und politischer Natur.

Foto: ©Giorgio Krank

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