Das Privileg ein schlechter Mensch zu sein

Von Maryam Al-Windi

Fehltritte sind menschlich. Diese zu machen, ist ein Privileg, das nur für Menschen vorgesehen ist, die die Norm erfüllen. Muslim:innen und Migrant:innen sind davon ausgeschlossen. Ihre Schritte werden von der Gesellschaft akribisch beobachtet und kritisch geprüft. Ein Tanz auf Eierschalen, der Konsequenzen hat.

 

Es wird wärmer in Hamburg. Einer der ersten richtigen Sommertage nach dem Lockdown im Juni 2020. Der Himmel ist blau, nur wenige Wolken bedecken ihn. In der Luft frischer Wind und Aufbruchsstimmung. Meine Mutter und ich entscheiden uns, abends einen Spaziergang durch Harvestehude zu unternehmen – einen Hamburger Stadtteil, in dem das Jahreseinkommen bei über 111.000 Euro liegt. Fast dreimal so hoch wie der hamburgische Durchschnitt – und auch sehr weit über meinem.

Um den Lebensstil der Menschen aus Harvestehude zu erahnen, braucht es nicht einmal einen Blick in die Einkommensstatistik. Die Stadtvillen mit den frisch gemähten Vorgärten, in denen die Bewohner:innen „residieren“ (denn „wohnen“ wäre unangebracht), aber auch die glänzenden SUVs, die vor ihren Häusern parken, erzählen uns von den herrschenden materiellen Verhältnissen hier.

Hamburger Hafen
Auch oberhalb des Elbstrandes, in Övelgönne, liegt das Jahreseinkommen weit über 111.000 Euro @Jeannette Hagen, Oben: @Behzad Ghaffarian/unsplash

Die Sonne geht gerade unter, und nur wenige Autos befinden sich noch auf der Straße. Wir stehen vor einer roten Ampel, Mama bleibt stehen. Kein Auto links, kein Auto rechts. Ich überquere die Straße. Mama wartet, bis die Ampel grün ist, holt mich ein und ärgert sich über mein unangebrachtes Verhalten. Ihre Wut über meinen „Regelbruch“ begründet sie auf eine sehr familiäre Weise, die ich schon kenne. Die Fußgänger:innen und Fahrradfahrer:innen, die an uns vorbeifahren, hätten jetzt erst recht einen schlechten Eindruck von „uns“. Sie flüstert mir beschämt zu: „Die denken jetzt bestimmt, dass sich Muslim:innen und Hijabis nicht an Regeln und Gesetze halten.“

Dabei habe ich die rote Ampel nicht missachtet, weil ich ein Kopftuch trage oder muslimisch bin. Ich habe die Ampel missachtet, weil ich ungeduldig, ungehorsam und rebellisch bin. Ich möchte mich an keine Regeln halten, die ich nicht nachvollziehen kann. Zum Beispiel bei einer roten Ampel stehen zu bleiben, wenn die Straße völlig leer ist. Wenn ich keine Gefahr erkennen kann, und mein Verhalten niemanden gefährdet oder verletzt.

 

„Gefährlich wird es besonders dann, wenn man den Menschen hinter der Markierung nicht mehr sieht. Wenn »der böse Mensch« zu »die böse Muslimin bzw. der böse Muslim« wird.“

Meine Beweggründe und meine Persönlichkeit sind von außen aber nicht sichtbar. Sichtbar ist jedoch, dass ich ein Kopftuch trage und ich Muslima bin. Den Blick, den meine Mutter mir zugeworfen hat, habe ich verstanden – darauf anspringen werde ich allerdings nicht.

Zu oft beobachte ich das selbstzensierende Verhalten, das besonders von sichtbaren Muslim:innen ausgeht. Emotionen werden kontrolliert und Handlungen besonders gut überdacht, um dem kritischen Blick weißer, nicht-muslimischer Menschen auszuweichen. Und auch um die Aneinanderreihung an negativen Assoziationen, die in unserer Gesellschaft über Muslim:innen existieren, nicht noch weiter zu füttern. Ich frage mich, wäre mein Gesetzesbruch denn weniger schlimm, wenn ich nicht als muslimisch oder migrantisch markiert wäre?

 

Dass ich als Hijabi anders wahrgenommen werde, ist nicht nur mein Empfinden, sondern bereits Gegenstand mehrerer empirischer Forschungen. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass sich „fromme Muslim:innen“ auf dem Arbeitsmarkt mehr anstrengen müssen, weil sie mehr Diskriminierung erfahren als Muslim:innen, die „weniger praktizieren“. Sprich: Ich als sichtbare Muslimin verdiene statistisch weniger Geld und habe nur aufgrund meines Hijabs geringere Einstellungschancen als Musliminnen, denen man ihre Religion nicht auf den ersten Blick ansieht. Die ungleichen Chancen spiegeln sich zusätzlich in anderen Bereichen des Alltags wider und führen zu einem ständigen „Markiertsein“. Gefährlich wird es besonders dann, wenn man den Menschen hinter der Markierung nicht mehr sieht. Wenn „der böse Mensch“ zu „die böse Muslimin bzw. der böse Muslim“ wird.

Als im Februar 2020 in Hanau elf migrantische Personen von einem rechtsextremistischen Rassisten ermordet wurden, machte mich eine Aussage besonders betroffen. Die Mutter von Ferhat Unvar, Serpil Temiz Unvar, sprach kurz nach dem Mord an ihrem Sohn mit dem ZDF. Sie sprach davon, dass Ferhat ein guter Junge gewesen sei, der in Deutschland geboren wurde und erst kürzlich seine Ausbildung beendet hätte. Er wollte arbeiten, „auch für Deutschland“, sagte sie im Interview. Es wirkte fast so, als würde sie begründen wollen, wieso ihr Sohn das Recht hatte, zu leben.

Ihre Aussage legt im Kern die Ordnungskategorien unserer Gesellschaft offen: Leistung gegen keine Leistung, gut gegen böse. Wer Leistung erbringt, die einen Mehrwert für das kapitalistische System erzeugt, ist gut und kann bleiben bzw. wird akzeptiert. Wer das wiederum nicht tut, wird ständig infrage gestellt. Seit Hanau ist mir aber schmerzlich klar geworden, dass meine Hypothese hinkt, denn: Egal, ob du Leistung erbringst oder nicht, wenn du „migrantisch“ oder „muslimisch“ gelesen wirst, bist du immer „der*die andere“.

Papierfahne Deutschland auf dem Boden
Was heißt "deutsch sein"? @Jeannette Hagen

Migrant:innen und Muslim:innen fallen so in eine kontinuierliche Selbstaufwertungsspirale, die stark von Leistungen abhängt und in der Fehltritte und Überschreitungen nicht vorgesehen sind. Das Spiel geht dann so weit, dass Muslim:innen und Migrant:innen in ihrem Alltag Misstrauen erleben, sei es bei der Fahrscheinkontrolle oder ihrem Lebenslauf. Über die „bereichernde“ Existenz von Migrant:innen wird auch nur dann geredet, wenn es um unser leckeres Essen geht oder wenn die Kinder türkischer Gastarbeiter:innen einen Impfstoff erfinden, der die Welt vor einem Virus rettet.

Die Einteilung in Gut und Böse missachtet die vielen verschiedenen Nuancierungen, die zwischen diesen Akronymen stehen. Sie ignoriert die verschiedenen Lebensrealitäten von Minderheiten und beraubt sie ihrer individuellen Identität. Wir sind eben keine homogene Gruppe, die dasselbe Ziel verfolgt und ein und dieselben Überzeugungen teilt. Auch wir sollten das Privileg haben, genauso individuell, mehrdimensional – und auch problematisch – wie alle anderen sein zu können, ohne dass zu viel in unser Handeln interpretiert wird.

Wenn ich also in Zukunft eine rote Ampel überquere, dann soll die einzige Gefahr sein, dass ich möglicherweise überfahren werde, und nicht, dass ich von anderen als eine – das Recht brechende – Muslima gelesen werde.

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Maryam Al-Windi ist Soziologiestudentin aus Kiel. Für ihr Soziologiestudium hat sie die Kieler Ostsee kurzerhand mit dem Rhein getauscht und lebt in Bonn. In ihren bisherigen Arbeiten war Maryam oft die „Wegbereiterin“, weil sie häufig die einzige muslimische Mitarbeiterin oder Woman of Color war. Das hat sie bisher aber nicht daran gehindert, neue Abenteuer einzugehen und unbekannte Räume zu erkunden.

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