Wie uns negative Nachrichten beeinflussen

Exklusives Interview mit Ronja von Wurmb-Seibel und Ausschnitte aus ihrem neuen Buch!

Als Ronja von Wurmb-Seibel auf mich zukam und mir ihr neues Buch vorstellte, freute ich mich ganz besonders. Die These, die sie in ihrem Buch vertritt, passt genau in das Konzept des DEMOS MAG, denn wir wollen einen konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus anbieten.

Ihr neues Buch „Wie wir die Welt sehen – Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien“ ist seit circa einer Woche auf dem Markt und seit heute auch auf der Bestsellerliste.

In ihrem Buch behandelt sie auf eine ganz besondere Weise das Thema Nachrichten und wie sie uns beeinflussen. Was es mit uns macht, ständig von negativen Nachrichten umgeben zu sein und warum wir eigentlich permanent in einem „Schlagzeilen-Burnout“ stecken. Sie hält Tipps und Tricks für uns bereit, wie wir uns, wenn wir wollen, gänzlich davon frei machen können. Bevor wir hier exklusiv Ausschnitte aus ihrem Buch veröffentlichen, konnte ich ihr noch einige Fragen stellen.

Linda Lengler: Als Journalist:in ist man Nachrichten im Grunde ausgesetzt. Vor allem wenn man in einer Redaktion arbeitet, bleibt es nicht aus, Nachrichten zu konsumieren. Es gehört zum Jobprofil, informiert zu sein. Wie vermeidest du Nachrichtenkonsum und kannst trotzdem auf dem Laufenden sein?

Ronja von Wurmb-Seibel: Ich konsumiere keine Nachrichten im klassischen Sinn: keine Nachrichtensendung, keinen Brennpunkt, keine Tagesschau, keine Zeitung und keine News-App auf dem Handy. Trotzdem bin ich informiert. Ich suche mir gezielt möglichst hintergründige Artikel zu aktuellen Themen, lese Sachbücher und Studien und schaue Dokumentarfilme.

Bist du dann noch eine gute Journalistin?

Mein Eindruck ist, dass ich seither sogar besser informiert bin, weil ich mehr Zusammenhänge und Fakten zu den drängendsten Problemen unserer Zeit kenne und weil ich mehr dazu weiß, wie wir diese Probleme lösen oder zumindest verbessern können. Ich würde also eher sagen, dass ich seither eine noch bessere Journalistin geworden bin, weil ich nicht nur Fakten dazu kenne, was in der Welt schief läuft, sondern auch dazu, wie wir aus dem Schlamassel wieder raus kommen.

Ronja von Wurmb-Seibel, Foto: ©Schenck

"Ich kenne nicht nur Fakten, was in der Welt schief läuft, sondern auch, wie wir aus dem Schlamassel wieder raus kommen.

In deinem Buch beschreibst du Experimente für den Alltag, die zur Reduzierung von (negativem) Nachrichtenkonsum führen können. Welches hat bei dir am besten funktioniert? 

Ich habe relativ schnell und deutlich einfach aufgehört damit. Vielen Menschen fällt das aber schwer. Als ersten Schritt kann ich empfehlen, erst einmal bewusst darauf zu achten: Wie viel Nachrichten konsumiere ich und wie fühle ich mich damit? Wenn ich dann merke, dass ich mich hilflos und ohnmächtig fühle, dass ich das Gefühl habe: die Welt ist schlecht und ich kann nichts daran ändern, dann würde ich das als Signal sehen, dass ich mehr konsumiere, als mir gerade gut tut. Dann kann es helfen, vielleicht nur noch ein oder zwei Mal am Tag zu konsumieren und dafür zu sorgen, dass negative Nachrichten nicht unseren kompletten Alltag durchlöchern. Push-Nachrichten würde ich direkt vom Handy nehmen, das sind selten Informationen, die uns wirklich weiterbringen. Inhaltlich kann es helfen, ganz gezielt nach Nachrichten Ausschau zu halten, die uns zeigen, wie wir ein Problem lösen oder zumindest verbessern können. 

Kann man das vielleicht sogar mit rauchen aufhören vergleichen? Es funktioniert nur radikal?

Nein, das glaube ich nicht. Mein Ansatz ist nicht, zu empfehlen, keine Nachrichten mehr zu konsumieren, sondern darauf zu achten, dass wir nicht ausschließlich negative Nachrichten konsumieren. Momentan sind die meisten herkömmlichen Nachrichtensendungen eher wie ein Fehlerbericht: Sie zeigen uns nicht, was in der Welt passiert, sondern was in der Welt schief läuft. Uns fehlen Informationen darüber, wie wir es als Gesellschaft besser machen können, eine Art Gebrauchsanleitung sozusagen.

Glaubst du, dass es möglich ist, die Medienlandschaft nachhaltig zu verändern? Sollten wir nicht nur die eigenen Glaubenssätze neu denken, sondern auch im großen Stil Veränderung hervorrufen, in dem wir neue Nachrichtenfaktoren definieren?

Unbedingt glaube ich daran, dass Veränderung möglich ist – sie passiert bereits. Einige Redaktionen versuchen bereits in diese Richtung zu berichten, auszubilden und zu informieren. Im internationalen Vergleich ist in Deutschland kritisch-konstruktiver Journalismus noch nicht so stark verbreitet. Aber wenn wir in andere Länder schauen, die schon mehr auf diese Art berichten, zum Beispiel Dänemark, dann sehen wir, dass diese neue Art von Berichterstattung extrem gut angenommen wird. Umfragen der BBC und auch des Bayerischen Rundfunks zeigen, dass Konsument:innen sich ausdrücklich mehr Informationen zu Lösungen und konstruktiven Perspektiven wünschen. Kritisch-konstruktiver Journalismus ist auch aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet absolut lohnend. 

Ich musste beim Lesen deines Buches oft an „Momo“ von Michael Ende denken. Sie beherrscht es, ganz fantastische Geschichten zu erzählen und die Menschen in ihren Bann zu ziehen. Aber sie beherrscht es auch zuzuhören. Warum ist zuhören so wichtig? 

Erst wenn wir wirklich zuhören, haben wir die Chance die Perspektive unseres Gegenübers zu verstehen, Mitgefühl zu entwickeln, etwas dazu zu lernen und unseren Horizont zu erweitern. Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen das Gefühl, gehört zu werden, in unserem Privatleben und unserem jeweiligen sozialen Umfeld, aber auch in unserer Gesellschaft als Ganzes. Erst wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Sorgen, Wünsche und Hoffnungen gehört und ernst genommen werden, fühlen wir uns einer Gemeinschaft wirklich zugehörig.

"Wie wir die Welt sehen - Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien"

Copyright ©2022 Kösel-Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH
Copyright ©2022 Kösel-Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH

Vielen Dank, liebe Ronja von Wurmb-Seibel, dass wir Ausschnitte aus deinem Buch veröffentlichen dürfen!

Das Buch erhaltet ihr im Buchhandel und auch auf Amazon.

 

Sie arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Moderatorin. Außerdem gibt sie Workshops zu Öffentlichkeitsarbeit und leitet als Chefredakteurin das DEMOS MAG.

Foto: ©Mario Schmitt

Ronja von Wurmb-Seibel hat knapp zwei Jahre als Reporterin in Kabul gelebt. Dort hat sie - umgeben von schlechten Nachrichten - gelernt, Geschichten so zu erzählen, dass sie Mut machen.

ZUM TEILEN